Raum für ur­teils­freie Be­geg­nun­gen

Kon­takt­grup­pe Sor­gen­kin­der bringt Fa­mi­li­en mit Kin­dern mit Be­hin­de­rung zu­sam­men

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Fotograf: Eva Mittermeier

Von Anna Kolbinger

Wenn Sonja S.* mit ihren beiden Kindern etwas unternehmen möchte – einen Ausflug ins Kino, ein Besuch beim Italiener oder einfach nur ein Einkaufsbummel – kostet sie das viel Überwindung. Sobald sie mit ihren Söhnen das Haus verlässt, ist sie angespannt. Sie weiß nie, wann ihr Sohn Martin* einen seiner Anfälle bekommt und ohne Vorwarnung zu schreien beginnt. Deswegen sind solche Ausflüge zu einer Seltenheit geworden. Sie hat zu viele negative Erfahrungen gemacht, kennt die urteilenden Blicke, die ihr andere Eltern zuwerfen – nach dem Motto „Da hat wohl jemand sein Kind nicht im Griff“. Zu oft hat sie gehört, dass ihre Kinder andere Menschen stören.

Wie eine Oase der Verständnis ist für die Familie die Kontaktgruppe Sorgenkinder in Ergoldsbach (Landkreis Landshut). In dieser Selbsthilfegruppe treffen sich Familien, die Kinder mit Behinderungen haben. Wie Martin und seine Schwester Corinna* haben die meisten eine geistige Behinderung. Hier braucht Familie S. keine Angst vor Ausgrenzung haben, hier wird Sonja nicht schief angeschaut, wenn ihr Kind zu schreien anfängt und niemand urteilt über sie.

Wenig Zeit, um soziale Kontakte zu pflegen
„Zu uns können die Familien immer kommen, wir haben für alles Verständnis“, betont Eva Mittermeier, die die Selbsthilfegruppe 1997 ins Leben gerufen hat. Vielen Familien gehe es ähnlich wie Familie S., die sich nicht mehr in die Öffentlichkeit traut, erzählt Mittermeier. Für diese Familien sei die Kontaktgruppe eine wichtige Einrichtung. Auch, weil die Eltern durch die Behinderungen ihrer Kinder mehr eingespannt sind als andere und weniger Zeit hätten, soziale Kontakte zu pflegen. Viele seien alleinerziehend, weil die Beziehung der Belastung, die durch die Behinderung des Kindes entsteht, nicht standgehalten hätten. Fehlt dann auch noch der Rückhalt in der Familie, wird es umso schwerer.

Eva Mittermeier ist es wichtig, den Familien Mut zu machen, ihnen die schönen Momente vor Augen zu führen und ihnen zu zeigen, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen nicht alleine sind. Auch ganz praktischer Austausch ist Bestandteil der Treffen: Man spricht über Erfahrungen bei verschiedenen Therapeuten und Ärzten und erzählt von Therapie-Möglichkeiten.
Das ähnliche Schicksal verbinde die Familien miteinander, man sei schnell auf einer Wellenlänge und fühle sich verstanden, bekommt Mittermeier Rückmeldung von den Familien. Mittlerweile seien richtige Freundschaften zwischen einzelnen Familien entstanden. Sie selbst hat drei Jungs, keiner von ihnen hat eine Behinderung. Nichtsdestotrotz wollte sie sich damals für Familien mit behinderten Kindern einsetzen und hat die Kontaktgruppe gegründet.

Zusätzlich zur Behinderung leiden viele Kinder unter verschiedenen gesundheitlichen Problemen. Deswegen sind lange Krankenhausaufenthalte zum Teil auf der Tagesordnung. „Ich habe großen Respekt davor, was die Familien leisten“, betont Eva Mittermeier. Die Kontaktgruppe sieht sie als eine kleine Auszeit in dem oft anstrengenden Alltag der Familien.

Bowling, Kino oder Biergarten
In der Zeit nach der Gründung hat sich die Selbsthilfegruppe im Pfarrheim hauptsächlich zu Spielenachmittagen getroffen. Mittlerweile sind die meisten Kinder von damals zu jungen Erwachsenen herangewachsen und die Treffen finden eher abends statt. Mal geht es zum Bowling, mal in einen Biergarten oder ins Kino. Die Kontaktgruppe ist aber auch offen für neue Familien und Kinder in allen Altersgruppen. Mittermeier kann sich vorstellen, auch wieder ein Angebot für Familien mit kleineren Kindern zu etablieren.

Regelmäßig unternehmen die Familien kleinere und größere Ausflüge miteinander, die sie allein kaum machen würden. Die Kontaktgruppe übernimmt hierfür die Kosten für alle Familienmitglieder. Finanziert wird das ausschließlich über Spendengelder. Beliebt sind Ausflüge zu Tieren, in einen Reitstall oder auf einen Alpakahof. Besonders fasziniert hat die „Sorgenkinder“ ein Besuch im Zirkus Krone. „Davon haben sie noch monatelang geschwärmt“, erinnert sich Mittermeier. Deswegen ist auch geplant, wieder gemeinsam in den Zirkus zu gehen – sobald es die Corona-Situation zulässt.
Zurzeit besteht die Kontaktgruppe „Sorgenkinder“ aus 26 Menschen mit Behinderung und ihren Familien. War die Gruppe zunächst nur für Ergoldsbach gedacht, kommen mittlerweile Familien aus dem ganzen Landkreis zu den Treffen.
*Namen von der Redaktion geändert

Fotograf: Eva Mittermeier