Le­bens­qua­li­tät im An­ge­sicht des Todes

Ro­bert Kell­ner litt an ALS und wurde von Fa­mi­lie, Dorf­ge­mein­schaft und Pal­lia­tiv­ver­sor­gung be­glei­tet

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Die Natur war eine Kraftquelle für Robert Kellner – im Urlaub war er gerne mit seiner Familie unterwegs. Foto: Jürgen Stern

Von Jürgen Stern


Deggendorf. Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), eine Autoimmunerkrankung, die das Immunsystem der betroffenen Person angreift, ihn zunehmend lähmt und schließlich zum Tod führt. Eine sehr düstere Diagnose. Und dennoch hat Robert Kellner, Ehemann und Vater, jede Sekunde seines Lebens mit ALS genossen, hat nie aufgegeben, gegen diese unheilbare Krankheit anzukämpfen und nie aufgehört zu lächeln und glücklich zu sein. Robert Kellner hat den Kampf gegen diese Krankheit nicht verloren, nein er hat ihn gewonnen. Er hat diese Krankheit solange zurückgehalten, wie es nur ging, und hat trotz seines schweren Schicksals nie aufgehört das Leben zu schätzen.

Nach seinem Tod hat seine Ehefrau Ulrike Gwinner-Kellner drei Anliegen, die sie den Menschen mitgeben will. Zum einen ist sie sehr dankbar für die Unterstützung, die Ehemann Robert, Sohn Maximilian und sie selbst in dieser Zeit erfahren haben. Sowohl die Dorfgemeinschaft in Niederalteich als auch die spezialisierte ambulante Palliativversorgung PalliDONIS als Teil des Palliativzentrums am Donau-Isar-Klinikum hätten Robert einen so schönen Lebensabend überhaupt erst ermöglicht.


Zudem ist es Gwinner-Kellner sehr wichtig, ein Bewusstsein für die Erkrankung ALS zu schaffen und dafür, dass es möglich ist, auch mit einer unheilbaren Krankheit durch die richtige Unterstützung und Verständnis die letzte Phase des Lebens glücklich zuhause zu verbringen.


Nicht zuletzt ist es Ulrike Gwinner-Kellner wichtig, unheilbare Krankheiten wie ALS nicht als „Ende“ oder „besiegeltes Schicksal“ zu sehen – sondern im Gegenteil nach dem Vorbild ihres Ehemannes Robert jeden Moment des Lebens auszukosten, ihn besonders intensiv zu erleben und alles Mögliche daran zu setzen, glücklich zu sein. Denn: Unser aller Zeit ist begrenzt.


An einer unheilbaren Krankheit erkrankt und dennoch hatte Robert ein recht aufregendes Leben. Ab Dezember, als Robert bettlägerig war, wurde er trotzdem voll in den Alltag der Familie integriert. Sein Pflegebett stand im Wohnzimmer und so konnte er an allen Geschehnissen des Tages teilnehmen: Ihm wurde von Freunden und Bekannten vorgelesen, Videos von Veranstaltungen im Dorf gezeigt oder einfach nur der neueste Tratsch erzählt. Er konnte mit seiner Familie und seinen Freunden im Wohnzimmer bei Fußballspielen mitfiebern, durfte Privatkonzerte von guten Freunden genießen und seine Lieblingsserien anschauen. Er hörte aufmerksam den Abiturvorbereitungen seines Sohnes zu, stand mit Rat und Tat seiner Ehefrau zur Seite, falls wieder etwas mit der Buchhaltung nicht stimmte, und diskutierte manchmal sogar mit Mitgliedern des Gemeinderats über mögliche Verbesserungen für das Dorf.


Palliativmedizin hilft in der Not
Aber: Die Krankheit war noch da, bescherte ihm Panikattacken durch Atemnot und ließ ihn starke Schmerzen spüren. Das Team von PalliDONIS nahm sich dieser Aufgabe an und half ihm über schlaflose Nächte und seine größte Angst, dem Ersticken, hinweg.


In den letzten Wochen seines Lebens zeichnete sich ein klares Auf und Ab beim Gesundheitszustand von Robert ab. Nach einem starken „Down“ voller Panikattacken und Atemnot legte ihn das Palliativteam „schlafen“; sie legten ihm eine Morphiumpumpe, bei der unklar war, ob Robert noch einmal zurückkommen würde oder nicht. Zu aller Überraschung wachte Robert circa fünf Stunden später auf, war ansprechbar und schrieb: „Ich bin wach, ich habe keine Schmerzen.“ Der Ehemann und Vater hatte sich ins Leben zurückgekämpft und durfte noch einige letzte wunderschöne Tage mit seiner Familie verbringen. Nach acht Tagen am 24. August 2021 um 1.10 Uhr starb Robert Kellner.


Offen sein, Hilfe annehmen
Es ist stark zu empfehlen, PalliDONIS frühzeitig hinzuzuziehen, um für jede Art von Situation gut informiert zu sein. „Kein Mensch muss in der heutigen Zeit Schmerzen ertragen. Der Patient kann oft bis zum Schluss zuhause bleiben und dort in Ruhe Abschied nehmen“, fasst Ulrike Gwinner-Kellner zusammen.


Und das Wichtigste in den Augen der Ehefrau: „Das Leben bis zuletzt genießen. Robert sagte mit der Augensteuerung bis zum Schluss: Ich möchte leben.“