Ein Leben, das schmerzt

Wie drei Un­fäl­le und Dro­gen einen Fur­ther (28) zer­stört haben und er nun um Hilfe ringt

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Der „Genuss“ einer Marihuana-Zigarette. Gerhard B. griff zu ihr, um seine Schmerzen zu betäuben. Doch das Cannabis und der falsche Freundeskreis öffneten ihm die Tür zur harten Drogenwelt. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Von Thomas Linsmeier

Furth im Wald. Sich schon ‘mal mit dem Hammer auf den Finger geschlagen? Sicherlich. Dann wissen Sie, wie sich Schmerz anfühlt. Sie können folglich erahnen, wie Gerhard B. (Name geändert) leidet. Denn während bei Ihnen der Schmerz spätestens nach ein paar Minuten wieder verschwand, lebt der Further mit ihm. Und das mittlerweile seit rund zwei Jahrzehnten. Der Grund dafür: drei Unfälle, die sein Leben komplett aus der Bahn geworfen haben. So sehr, dass er selbst zu Drogen griff, um den Schmerz zu lindern.

Heute ist Gerhard B. 28 Jahre alt. Von einer schönen Kindheit, Jugend und von Erfüllung im Job – davon kann er nur träumen. Sein Leben ist geprägt von Enttäuschungen, finanziellen wie häuslichen Schwierigkeiten – und eben Qual.

Das Unglück begann im Schwimmunterricht
Was er in nur 28 Jahren durchgemacht hat, würde für mehrere Leben reichen. Dabei hatte alles ganz normal begonnen – bis zu einem Tag, zu einer Stunde im Schulsportunterricht. „Wir sollten mit dem Schwimmbrett ins Nichtschwimmerbecken springen und so weit wie möglich gleiten. Ich hab da was falsch gemacht und bin mit dem Kopf auf dem Beckenboden aufgeschlagen“, erzählt er. Er kam mit dem Hubschrauber in ein Regensburger Klinikum, wo festgestellt wurde: „Ein Wirbel ist gebrochen, einer nach außen gesplittert.“

Der heute 28-Jährige musste wieder das Gehen lernen, zudem hatte er Sprachprobleme. Nachdem diese Hürden genommen waren, kehrte er in die Schule zurück, machte seinen Quali, trat eine Lehre an. B. schien also nochmals Glück gehabt zu haben ... Doch das lange Stehen im Beruf belehrte ihn bald eines Besseren. Der Bruch und anschließende Fehlhaltungen sorgten zunehmend für Schmerzen. Dabei kam er – auch durch falsche Freunde – auf eine dumme Idee: „Ich wollte mich durch Marihuana selbst therapieren.“

Durch Schmerzen und falsche Freunde zu Drogen
Aufgrund der Nähe zum tschechischen Nachbarland war das „Gras“ schnell und günstig zu haben. Und es schien in seinem Fall zu wirken. „Leider bin ich da dann den Drogen verfallen“, erzählt er. Es kamen Crystal Meth und Ecstasy dazu. Dass B. zunehmend unter Drogen stand, konnte er natürlich auch vor seinen Eltern nicht verbergen. Doch ihnen ging es wie vielen anderen: Sie fanden zu ihrem Sohn keinen Zugang mehr. Die Folge: Er schlief wochenlang unter einer Brücke. In der Zwischenzeit wurde er Vater, jedoch wollte seine damalige Freundin mit ihm nichts mehr zu tun haben. Tiefer konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr fallen. Trotzdem schaffte er es, sich von den Drogen loszusagen. „Ich habe selbst einen Entzug gemacht, mich in meinem Zimmer eingesperrt und es durchgezogen.“

Nach Selbstentzug Mutter in den Tod begleitet
Und er hat es geschafft, zumindest von den harten Drogen wegzukommen. Auch einen Job konnte er wieder ergattern. Doch dann kam der nächste Schicksalsschlag. B. schnitt sich auf einer Baustelle in die Hand. Trotz ärztlicher Versorgung kommt ein Keim in die Wunde. Es folgt eine Not-OP, um die Hand zu retten. Zurück auf der Baustelle reißt sich der heute 28-Jährige beim Absteigen von einer Ladefläche alle Bänder im Knie. Wieder muss er auf den OP-Tisch. Bei der anschließenden Reha reißt erneut das Kreuzband. B. wird wieder operiert, und inzwischen sogar ein drittes Mal. „Es wird halt nicht besser. Vermutlich kommt das alles von einer Fehlstellung, die ihren Ursprung im Wirbelbruch beim Schwimmunterricht hat“, mutmaßt er. Fakt ist: Sein Körper ist ein Wrack. Doch es kommt noch schlimmer.

Seine Mutter erkrankt an Krebs. Trotz seiner eigenen Schmerzen pflegt er sie bis zu ihrem Tod, damit sie zu Hause bleiben kann, nachdem sein Vater täglich zur Arbeit muss. „Sie hatte einst mich nicht hängen gelassen, nun half ich ihr bis zuletzt“, sagt er.

Schmerztherapie als letzte Hoffnung
Seit rund drei Jahren ist der Further krankgeschrieben. Bis zu zwölf Schmerztabletten nimmt er an einem Tag. Die Masse an Medikamenten, aber auch die zurückliegende Drogensucht, der Tod seiner Mutter, die Gewissheit, dass er nie ein normales Leben führen, seinem Sohn kein richtiger Vater sein kann beziehungsweise darf, machen ihn auch emotional sehr instabil. Suizidgedanken habe er nicht nur einmal gehabt. Auch sei B. bereits in psychiatrischer Behandlung gewesen.

Seine letzte Hoffnung setzt er in eine Schmerztherapie. Und dass ihm die Frührente genehmigt wird. Der 28-Jährige gibt offen zu: Wenn es mit der Schmerztherapie nichts wird, bleibt ihm nur noch das Marihuana, um relativ schmerzfrei durch den Tag zu kommen. Er weiß aber auch, dass dann die Chancen, seinen Sohn wieder zu sehen, noch mehr schwinden.

Ob er glaubt, dass sein Leben einen anderen Verlauf genommen hätte, wenn der Schulunfall nicht passiert wäre? Gerhard B. zuckt mit den Schultern. „Vielleicht ...“, wobei er eingesteht: „Es waren auch die falschen Freunde. ... Ich hab schon selbst sehr viel kaputt gemacht.“