Wenn das Geld kaum für das Nö­tigs­te reicht

Spen­de kommt einer al­lein­er­zie­hen­den Mut­ter und einem Bor­re­lio­se­pa­ti­en­ten zu­gu­te

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Diplom-Soziologin Gabriele Pfeffer arbeitet seit 18 Jahren bei der Caritas und kennt die Schicksale. Foto: Melanie Kolmer

Von Melanie Kolmer

Cham. Kein Geld für Winterstiefel, kein Christbaum – von Geschenken darunter will sie oft gar nicht sprechen. Gabriele Pfeffer, Diplom-Soziologin bei der Caritas Cham, kennt die Schicksale, weiß von den Momenten, wenn die Menschen vor ihr sitzen – oft peinlich berührt in scheinbar auswegloser Situation. Manchen fehlt es an den einfachsten Dingen – und genau diesen Menschen will sie heuer die Spende aus „Freude durch Helfen“ zukommen lassen.

Eine große Chance für Frau S. aus dem Landkreis Cham. „Meine finanzielle Situation ist schwierig“, gesteht sie offen in einem Gespräch. Dennoch möchte sie lieber anonym bleiben. Dass sie hier vor Gabriele Pfeffer sitzt, dafür schämt sich die alleinerziehende Mutter von fünf Kindern fast ein bisschen, doch für sie war es der letzte Ausweg. „Ich tu’s für meine Kinder.“ Frau S. erzählt: von ihrem Umzug, den sie ganz ohne die Hilfe ihres nun getrennt lebenden Ehemanns bewerkstelligen musste, von fehlenden Unterhaltszahlungen, von Arbeitslosigkeit und fehlender Mobilität. „Ich habe keinen Führerschein.“ Das schränkt die 34-jährige Mutter stark ein. Vor allem, weil sie unbedingt wieder arbeiten will. Ein Satz, den sie im Laufe des Gesprächs oft wiederholt. Ihre letzte Arbeitsstelle – „ich habe in einem Altenheim geputzt“ – musste sie aufgeben. Es habe nicht mehr funktioniert. Ihre jüngste Tochter ist drei Jahre alt, die nächsten sieben und zehn, der Sohn elf. Ihr Ältester ist 15 – dieser Sohn lebt bei seinem Vater.

Leben am Existenzminimum

Was bleibt, ist Hartz IV und ein Leben am Existenzminimum. Frau S. ist verzweifelt. Muss sie mit den Kindern zum Arzt, springt ihre beste Freundin ein und fährt. „Auch meine Mutter hilft mir viel.“ Aber sie möchte wieder auf eigenen Beinen stehen, von niemandem mehr abhängig sein. Doch derzeit reicht das Geld kaum für das Nötigste. Winterschuhe, Jacken oder Hosen kaufen – fast unmöglich für die Mutter. „Kleidung, Möbel oder gar Weihnachtsgeschenke, das ist einfach nicht drin.“ Das schmerzt. Doch ihre Kinder hätten oft Verständnis für die Situation. „Sie sind sehr zufrieden.“ Eine Tatsache, die sie sehr zu schätzen weiß. Sie freuen sich schon über Kleinigkeiten, stellen keine großen Ansprüche. „Aber ich will ihnen wieder etwas bieten können.“ Deshalb möchte sie mit dem Geld erst einmal ihren Führerschein finanzieren und auch ihren Kindern etwas gönnen. „Sie sind das Wichtigste für mich.“ Und das spornt die Mutter an.

Einen Mann, den Pfeffer ebenfalls unterstützen möchte, ist Herr M., 51 Jahre alt und ebenfalls aus dem Landkreis Cham. Die Soziologin schildert seine Situation, da er sich gerade in einem Pflegeheim befindet. Und das alles aufgrund eines kleinen Zeckenbisses. „Ich kenn’ ihn schon seit ewiger Zeit“, sagt Pfeffer.

Seit Jahren ist Herr M. schwerst krank, war immer wieder im Krankenhaus, stellenweise sogar im Koma. Nun sitzt er im Rollstuhl und ist körperlich stark eingeschränkt. Ein Schicksalsschlag nach dem anderen beutelt die Familie. Pfeffer zählt auf: Herzinsuffizienz, Epilepsie, Ulcera und Abszesse. Zudem leidet er an einer Opiatabhängigkeit aufgrund der starken Schmerzmittel. Beim Wort Morphiumpumpe muss man erst mal schlucken. Und als ob das nicht schon reicht, leidet die Ehefrau an einer Herzkrankheit, die sie an beide Töchter vererbt hat. „Eine der beiden ist bereits daran gestorben.“ Der 51-Jährige braucht nun in seinem Zimmer in der Pflegeeinrichtung einen größeren Kleiderschrank und einen Kühlschrank. Pfeffer will deshalb den anderen Teil der Spende gerne an ihn vermitteln.

„Es ist ein schönes Gefühl, helfen zu können.“ Und die Caritas kann das sehr oft – Menschen unterstützen und ihnen wieder Halt geben. „Mit ihnen reden, sie beruhigen und das Eis brechen“, das sei am Anfang ganz wichtig.

Beratungen nehmen zu

Viele würden lange zögern, sich Hilfe zu suchen. Der erste Gang zur Caritas sei ihnen oft peinlich. Pfeffer macht ihnen klar, dass es so viele Menschen gebe, die Hilfe brauchen – es brauche sich niemand genieren, zu ihr zu kommen. In ihren knapp 20 Jahren bei der ASB (Allgemeine Sozialberatung) sah sie schon viele Schicksale kommen und gehen. In der Regel hilft sie unter anderem bei Fragen zu Sozialleistungen, klärt auf im Umgang mit Behörden, vermittelt Menschen an Sucht-, Erziehungs-, Ehe- oder Insolvenzberatungsstellen weiter, stellt Tafelausweise aus, gibt Orientierungshilfe und baut Ängste ab. Dabei ist es ihr wichtig, den Menschen respektvoll und wertschätzend gegenüberzutreten.

Im Jahr 2020 fanden bis jetzt etwa 160 Beratungen statt. Tendenz steigend. In den vergangenen Jahren fanden immer mehr den Weg zur Caritas. Es sind vor allem die steigenden Miet- und Energiekosten, die manche Menschen an ihre Grenzen bringen. Dann fehlt das Geld oft an anderer Stelle, stellt Gabriele Pfeffer fest. Hinter jedem dieser Probleme steht ein Mensch, eine Familie. „Und für die tun wir unser Bestmögliches.“