Hel­fen­de Hände für Men­schen mit Han­di­cap

Der Ve­rein VKM baut das The­ra­pie­zen­trum Theo Ost­bay­ern für 3,5 Mil­lio­nen Euro

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Wenn sich Nachwuchs anmeldet, ist das oft ein Grund zur Freude und es werden Pläne geschmiedet. Was aber, wenn sich Eltern während der Schwangerschaft oder nach der Geburt mit einer Behinderung konfrontiert sehen? Müssen dann Träume aufgegeben werden oder findet das Leben trotzdem statt?

„Es war ein Schock, aber sie war sofort unser Sonnenschein, unsere Prinzessin!“ Die Eltern von Elina haben vor der Geburt nichts gewusst oder geahnt. Bei keiner Voruntersuchung ist etwas aufgefallen, bei keinem Ultraschall etwas festgestellt worden. Erst ein Bluttest einige Tage nach Elinas Geburt brachte die Nachricht: Down-Syndrom und ein zusätzlicher Gendefekt.

„Elina hat unser Leben sehr verändert“, erzählen die Eltern des viereinhalbjährigen Mädchens. Viele Dinge sind unwichtig geworden, andere haben einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Natürlich war es ein Schock und die Nachricht sei mit großer Traurigkeit verbunden gewesen. „Elina kostet viel Kraft“, sagen sie. Aber ihr Kind hätten sie niemals abgegeben und es hätte auch keine Rolle gespielt, wenn sie vor der Geburt etwas gewusst hätten.

Eine große Hilfe im Alltag der Familie ist das therapeutische Reiten beim Verein für körper- und mehrfachbehinderte Menschen in Regensburg. Elina hat ihr Therapiepferd Niko ins Herz geschlossen und strahlt beim Reiten vor Freude. Nach dem therapeutischen Reiten ist Elina schon mehrmals zwei, drei Schritte ganz alleine gegangen. „Das hat sie vorher nie gemacht. Sie gibt mehr Laute von sich und es passiert etwas durch die Reittherapie“, sagt die Mutter und strahlt dabei.

Anders bei Teresa: Das frühgeborene Mädchen erkrankte im Alter von drei Wochen schwer und überlebte nach Gehirnblutungen und Krampfanfällen mit Sauerstoffmangel nur knapp. Die inzwischen 34-jährige Frau versteht fast alles, kann aber kaum sprechen. Sie arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und ist in einer ambulant betreuten Wohngruppe zuhause. Ihre Lebenslust und frohe Gesinnung tankt sie seit 30 Jahren regelmäßig fast jede Woche beim therapeutischen Reiten. Auf dem Rücken ihres Lieblingspferdes Nathan blüht die junge Frau auf und horcht interessiert auf die Anleitung der Reittherapeutin. Selbstbewusst nimmt sie dann die Zügel in die Hand und steuert das Pferd selbst zum gewünschten Ziel. Auf dem Rücken des Pferdes wird Teresas Rückenmuskulatur gestärkt und die Beinmuskulatur entspannt, ohne dass sie selbst es bewusst registriert. Im Laufe der Therapieeinheit wird Teresa lebendiger und wirkt aufgeweckter. Weil sie ihr Pferd ehrgeizig alleine steuern möchte, gelingen ihr gut hörbare Befehle: „Nathan, geh“ oder „Nathan, halt“ kann sie inzwischen deutlich aussprechen.

Eine Versorgungslücke schließen

Seit 1984 bietet der VKM das therapeutische Reiten auf Reiterhöfen in der Umgebung an. Der Bedarf ist groß. Deshalb soll für die Therapie mit Tieren ein eigenes Zentrum mit einem geschützten Rahmen entstehen. Nach über zehn Jahren der Suche nach einem geeigneten Grundstück ist der Verein in Zeitlarn an der Grenze zu Regenstauf fündig geworden. Noch einmal vier Jahre hat es gedauert, bis der Pachtvertrag für das rund vier Hektar große Gelände unterschrieben werden konnte, auf dem das Therapiezentrum entstehen soll. Der Name Theo steht für tiergestützte Therapien Ostbayern.

Geplant ist eine große Mehrzweckhalle mit behindertengerechter Ausstattung und speziellen Hilfsmitteln, ein Sozialgebäude mit Therapie- und Gemeinschaftsräumen, Räume für Gruppentherapien, Stallungen für bis zu zehn Therapiepferde, Alpakas, Esel, Schafe und Kleintiere, Räume für Futtervorräte, Büroflächen, eine Werkstatt und Büroräume sowie eine Betriebsleiterwohnung, damit das Gelände nachts nicht ohne Aufsicht ist. Es sind Übernachtungsmöglichkeiten für Gruppen- und Ferienmaßnahmen sowie Möglichkeiten für den Austausch der Eltern untereinander vorgesehen. Im Zentrum sollen Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen entstehen und Möglichkeiten für die reittherapeutische Ausbildung. Für Koppeln und Weideflächen sind drei Hektar des Grundstücks eingeplant. Das Einzugsgebiet für Theo reicht weit über die Grenzen Regensburgs bis in die Region hinaus. Theo entsteht in Winkeläcker am Rande eines geplanten Gewerbegebiets und es ergeben sich Synergien mit dem VKKK, der in der Nähe ein Nachsorgezentrum für seine Patienten bauen möchte.

Gemeinsam was bewegen

Am 24. Juni 1969 entstand der Verein zur Förderung spastisch gelähmter und körperbehinderter Kinder (VKM) auf die Initiative von Eltern, deren Kinder selbst unter einem Handicap litten. Das ist mittlerweile 51 Jahre her. Heute wie damals wollten und wollen sich Eltern von behinderten Kindern austauschen und gegenseitig unterstützen. Die Gründung des heute in Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge geführten Zentrums St. Martin und des Pater-Rupert-Mayer-Zentrums gehen auf die Initiative des Vereins zurück.

Während es damals im Mittelpunkt stand, Kindern eine entsprechende medizinische Versorgung oder eine Schulausbildung zu ermöglichen, steht heute die gezielte Unterstützung und Förderung für Menschen mit unterschiedlichsten Herausforderungen im Vordergrund. „Wir bauen ein eigenes Therapiezentrum, keinen Reiterhof, denn wir benötigen Räume und Ausstattungen, die es auf einem Reiterhof nicht gibt“, sagt die Vorsitzende Christa Weiß.

Das Therapiezentrum ermögliche zudem Inklusion und Gruppenangebote. Mehr Informationen unter www.theo-ostbayern.de. Geschichten liefert auch das zum 50-jährigen Bestehen erschienene Erlebnisbuch des Vereins. -us-

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Die 34-jährige Teresa tankt ihre Lebenslust und frohe Gesinnung seit 30 Jahren regelmäßig fast jede Woche beim Therapeutischen Reiten