„Wir geben niemanden auf“

Wenn das Kindeswohl gefährdet ist: In Thannhof hilft man mit einfühlsamer Begleitung.
 
Von Josef Heigl
 
Roding. Fahrräder für eine Gruppe Kinder, deren Kindswohl gefährdet ist und die vom Jugendamt untergebracht werden mussten, können viel bewirken. Was, das schildert der pädagogische Leiter der Unterkunft in Thannhof bei Roding, Marco Höyns.
 
Seit zweieinhalb Jahren bietet Thannhof im Stadtgebiet Roding Schutzraum für gefährdete Kinder und Jugendliche, für Mädchen und Buben im Alter zwischen sechs und 18 Jahren, deren Kindswohl in Gefahr ist. Aktuell befindet sich im Dachgeschoss eine Wohngruppe mit drei Kindern. Im Erdgeschoss und im ersten Stock folgen nach einer Sanierung noch weitere Möglichkeiten der Unterbringung, ebenso „ein Haus weiter“. Dort sind die Pläne für einen Anbau bereits konkretisiert, es soll Anfang des Jahres losgehen und im Herbst vollendet sein. Insgesamt werden einmal sieben Plätze zur Verfügung stehen, einer davon bei akuter Gefährdung, das heißt, dass ein Kind binnen 24 Stunden der Familie entnommen werden muss und dort einziehen kann. Bedarf sei da, sagt Marco Höyns, selbst Sozialarbeiter, Erlebnispädagoge und Leiter der Einrichtung. „Das Jugendamt rennt uns die Tür ein.“
 
Hinter der Organisation steht EAL, die Abkürzung für Erleben Arbeiten Lernen der evangelischen Jugendhilfe. 24 Stunden und sieben Tage in der Woche sind die Mitarbeiter in Thannhof vor Ort. Zwei Personen in zwei Schichten sind eingesetzt: Erzieher, Heilerziehungspfleger, Heilpädagogen, Sozialpädagogen und Sozialarbeiter, also ausschließlich Fachkräfte. Je nach Bedarf werden die Kinder zusätzlich pädagogisch, therapeutisch und psychologisch begleitet. Bei jungen Erwachsenen, die zum Beispiel in berufsbegleitenden Maßnahmen eingegliedert werden, sei die Betreuung weniger aufwendig.
 
Zurück zur Familie oder in die Selbstständigkeit
 
Thannhof liegt bewusst etwas abgelegener. Die Kinder und Jugendlichen können nicht so einfach weglaufen oder zum Bahnhof, um sich etwas zu besorgen. Es ginge auch viel weiter und abgelegener: im finnischen Lappland. Aber immer mit dem Ziel, die Kinder wieder einmal zurückzuführen in ihre Familien oder in die Selbstständigkeit.
 
In Deutschland und Finnland bestehen aktuell 66 Wohngruppen, betreut von 1.500 Mitarbeitern. Die Verweildauer der Kinder liegt bei ein paar Monaten, bei anderen bei einem Jahr oder mehr. Dabei sind Heimatbesuche durchaus Bestandteil. Auch der Kontakt der Betreuer zu den Familien gehört in das Gesamtkonzept. Mit der Aktion „Freude durch Helfen“ haben die Leser die Möglichkeit, diesen Kindern konkret zu helfen. Das Beispiel in Roding: Felix ist neun Jahre alt (Name von der Redaktion geändert). Er kommt aus einer Familie mit noch zwei Geschwistern. Erstmals wurde er im Kindergarten auffällig, wo er deshalb eine eigene Betreuung bekam. Der Besuch der Regelschule war bald beendet, denn sein Verhalten war so auffällig geworden, dass es einer Schulbegleitung bedurfte. Der Bub war aggressiv, biss und spukte. Er kam in die Förderschule, aus der er aber kurz darauf wieder verwiesen wurde. Dann beschulte ihn sein Vater daheim, doch Felix erwies sich weiterhin als sehr aggressiv, er demolierte die Einrichtung, hatte im Alter von sieben Jahren schon zwei Suizidversuche unternommen.
 
Das Jugendamt konnte ihn nun in Thannhof unterbringen. Dort herrscht die Devise: „Wir geben niemanden auf, wir nehmen jeden auf.“ Rund ein Jahr wohnt Felix jetzt dort, die anfängliche Aggression gegen sich selbst und andere hat sich deutlich gebessert. Zunächst erhielt er vor Ort eine Beschulung, kurz nach den Pfingstferien versuchte man es in der Förderschule. Erst stundenweise, jetzt nimmt er mit Schulbegleitung ganztägig am Unterricht teil. Idealzustand wäre, wenn er nach einem Jahr aus Thannhof zu seiner Familie zurückkehren könnte. Bis dahin erfolgt individuelle Betreuung. Auch ein Arzt kommt übrigens nach Thannhof, Psychologen und Psychiater arbeiten mit.
 
Für Felix wie die anderen Kinder der Wohngruppen wäre ein geeignetes und eigenes Fahrrad ein wunderbares Weihnachtsgeschenk. Marco Höyns erklärt, warum: „Das Blickfeld der Kinder und Jugendlichen ist sehr eng, sehr eingeschränkt. Ein Reisefahrrad bepacken und ein paar Tage einen Ausflug unternehmen, das gibt den Kindern einen großen Schub.“
 
Zum einen sei es die Selbstständigkeit, das Selbstbewusstsein, zum anderen tragen dazu die Eindrücke zusammen mit anderen von fremder Umgebung bei.
 
Acht Fahrräder zu finanzieren, würde dem Glück und der Entwicklung dieser Kinder in Thannhof sehr entgegenkommen. 
 
Info
 
Die Zahl der Kindeswohlgefährdungen in Deutschland hat das dritte Mal in Folge einen neuen Höchststand erreicht. Im Jahr 2024 stellten die Jugendämter bei rund 72.800 Kindern oder Jugendlichen eine Gefahr durch Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt fest.