Das karge Leben einer guten Seele
Heinz Kummert half in seinen 71 Jahren vielen. Nun braucht er selbst Hilfe.
Von Thomas Linsmeier
Furth im Wald. Heinz Kummert lächelt – obwohl ihm sein Leben lang nicht oft zum Lächeln war, als Besatzungskind in der ostbayerischen Kleinstadt Furth im Wald nach dem Krieg. Ausgrenzung, Ausbeutung und Spott begleiteten ihn in seinen 71 Jahren. Nur weil er eine andere Hautfarbe hat. Die Anerkennung und den Respekt „seiner“ Further zu verdienen, war für ihn eine Lebensaufgabe. Die hat er gemeistert – durch Freundlichkeit und enorme Hilfsbereitschaft. Doch davon kann man im Alter eben nicht leben, selbst wenn man wie er nahezu ein Leben lang gearbeitet hat. Für mehr als 704 Euro Rente hat es nicht gereicht.
Aus diesem Grund will unsere Mediengruppe ihn im Rahmen der alljährlichen Weihnachtsaktion „Freude durch Helfen“ unterstützen. Denn der Heinz war immer für andere da. Wenn ein Nachtwächter beim Christkindlmarkt oder auf der Waldbühne gebraucht wurde. Wenn am Friedhof für die Kriegsgräber gesammelt wurde. Oder wenn irgendjemand einen kräftigen Helfer benötigte. „Er konnte halt nie nein sagen“, weiß Christian Scheuer, der einstige Kommandant der Stadtfeuerwehr, wo Kummert seit 1973 Mitglied ist, bei vielen Einsätzen Notleidenden zur Seite stand und bei Veranstaltungen mit Stolz die Vereinsfahne getragen hat, bis es körperlich nicht mehr ging.
Ein Außenseiter, der die Herzen eroberte
Das Engagement in Vereinen war sein Schlüssel zur Anerkennung. Um diese musste er seit dem ersten Tag seines Lebens kämpfen. Seinen Vater, ein farbiger US-Soldat, hat er nie kennengelernt. So wuchs er wie das oft zitierte fünfte Rad am Wagen auf. „Mein Stiefvater wollte mich nicht. Der hat mich immer mit der Hundeleine geschnalzt“, schilderte er seine Kindheit. Seiner Oma habe er es zu verdanken, dass er nicht in ein Heim abgeschoben wurde. Außerhalb der Familie war’s für ihn nicht leichter.
Aufgrund seiner Hautfarbe wurde er stets gehänselt. „Neger, bumm, bumm … haben sie immer geschrien“, erzählte er. „In der Schulzeit, da hatte ich nichts Schönes.“ Ebenso später nicht. Um anerkannt zu werden, dabei sein zu dürfen, war er großzügig – oder wie es Scheuer formuliert: „Wenn er Geld hatte, ging es auch den anderen gut. Denn er war spendabel. Hatte er kein Geld, kannte man ihn nicht.“ Kummert stimmt dem nickend zu: „Ich war halt oft zu gutmütig.“ Auch beruflich lief es nicht immer glatt.
Wenn er nie gearbeitet hätte, wäre es nicht mehr
Eigentlich hat Kummert eine Bäckerlehre angetreten. Dabei stellte sich heraus, dass er an einer Mehlstauballergie leidet. „Ich hab’s trotzdem durchgezogen“, betont er stolz. Dennoch bedeutete dies das Aus im Bäckerberuf. Anschließend kämpfte er sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben: Schlachthof, Gartenbau, Hoch- und Tiefbau, Speditionen, zwischendurch immer wieder mal Arbeitslosigkeit, wenn auch nicht lange. Bis zum vergangenen Jahr sammelte er sogar für einen Discounter den Müll auf.
Obwohl er immer die Jobs bekam, die andere nicht machen wollten, und nicht selten in Geldnot war, kam er nie auf die schiefe Bahn. Das verhinderte nicht zuletzt sein christlicher Glaube. Doch die schlechte Bezahlung bescherte ihm im Alter eine karge Rente, die selbst Furths Sozialreferentin Silke Schell, die in unserem Fall als Patin fungiert, überrascht.
Unterm Strich bestätigt sie: Hätte Heinz Kummert sein Leben lang nicht gearbeitet, käme er monatlich durch Bürgergeld & Co. zumindest auf das gleiche Geld. Denn nur 704 Euro stehen auf dem Überweisungsbescheid. Hinzu kommen noch 341 Euro monatliche Aufstockungshilfe.
Von den 1.045 Euro gehen 469 Euro für die Miete weg. Ebenso Heizpauschale, Haftpflichtversicherung, Handygebühr, Strom- und Wasserkosten und was sonst noch in einem Haushalt anfällt. Unterm Strich hat er um die 350 Euro im Monat zur freien Verfügung. Natürlich würde er sich gerne die Rente durch kleine Nebentätigkeiten aufbessern, doch seine Beine mögen nicht mehr. Die leiden unter Durchblutungsstörungen, weshalb er schon dreimal operiert worden ist. „So ist es halt, mei Leb’n“, meint er achselzuckend und trotz allem lächelnd.
Erwartet vom „Leb’n“ hatte er sich noch nie viel. Früher die Spottereien und Ausgrenzungen, später die Jobs, die keiner machen wollte. Trotz allem: Der Heinz blieb immer freundlich, was ihm letztendlich bei vielen Furthern die Anerkennung brachte, die ihm so viel bedeutet.
Dass er gegrüßt wird, dass es die Leute gut mit ihm meinen – das sind die kleinen Freuden seines Alltags. „Ich brauch’ ned viel“, fügt er fast entschuldigend an. Denn dass ihm jemand was Gutes tun will, hatte er nicht oft in seinen 71 Jahren, weshalb er auch am Ende unseres Gesprächs lächelt, weil ihm diesmal wirklich zum Lächeln zumute ist – und er nicht gute Miene zum bösen Spiel machen muss. Diese Freiheit hatte er nicht immer.