Ein kleines Stück Aufmerksamkeit

Wenn Rentner einsam sind, zählt jede Geste. Lichtblick-Mitarbeiterin Swana Wendel bereitete Seniorin Sibilla Lüpschen eine Geburtstagsüberraschung.
 
Von Angelika Gabor
 
Plattling. Ein warmer Spätsommertag im niederbayerischen Rottal. Goldgelb leuchten die Felder, und irgendwo zwischen den sanften Hügeln, in einer mit viel Liebe gestalteten kleinen Wohnung mit Terrasse und Garten, wartet Sibilla Lüpschen. Sie ist 82 Jahre alt und nach einem langen Arbeitsleben in München hierhergezogen, um sich in dieser ländlichen Umgebung in Niederbayern das Wohnen leisten zu können.
 
Aber ihr Alltag ist still, manchmal zu still. Die Rente reicht kaum, um mehr als das Nötigste zu bestreiten. Für Reisen oder große Wünsche bleibt nichts übrig und doch hat sie sich einen kleinen Ort des Glücks geschaffen: ihren Garten. „Mein größtes Glück ist es, diese Blütenpracht zu teilen“, sagt sie oft beim Rentnertreff von der Lichtblick Seniorenhilfe in Deggendorf. Dort, wo Rentner nicht nur gemeinsam essen, sondern auch Gesellschaft finden, schwärmt sie regelmäßig von Zucchini, Paprika und duftenden Kräutern, die sie mit Hingabe anbaut.
 
Ein geheimer Schatz, aber kaum jemand sieht ihn
 
Doch im Alltag bleibt ihr Garten ein geheimer Schatz, den kaum jemand zu Gesicht bekommt – Mobilität ist auf dem Land für ältere Menschen ein seltenes Gut. Der Bus fährt selten, ein eigenes Auto haben die meisten bedürftigen Rentner nicht. Dass sich das ändern sollte, dafür sorgte Swana Wendel. Die 27-Jährige ist Mitarbeiterin im Deggendorfer Lichtblick-Büro. „Ich habe nach einem Job gesucht, der mich erfüllt und in dem ich etwas bewirken kann“, sagt sie. „Hier bei Lichtblick darf ich jeden Tag spüren, dass unsere Arbeit die oft trostlose Welt von armen Rentnern ein kleines Stück heller macht.“
 
Wie an jenem Wochenende im Spätsommer. Da lud sie kurzerhand vier Senioren ein, gemeinsam zu Sibilla Lüpschen zu fahren – als Geburtstagsüberraschung. Ihr eigenes Auto diente als Shuttle, Würstchen und Baguette wurden eingeladen, dazu eine Portion Vorfreude.
 
Als sie mit den Senioren im Rottal ankam, strahlte Sibilla Lüpschen vor Glück. Die Terrasse war herausgeputzt, und das Geburtstagskind hatte sich fest vorgenommen, ihre Gäste zu bewirten – trotz knapper Mittel. „Ein Gläschen Sekt gab es zwar nicht für mich, weil ich fahren musste“, erzählt Swana Wendel, „aber allein der Empfang war überschwänglich und herzlich“.
 
Endlich konnte Sibilla Lüpschen ihren Freunden das zeigen, wovon sie so oft geschwärmt hatte: den Garten. Mit leuchtenden Augen führte sie ihre Gäste von Beet zu Beet, zeigte Zucchini groß wie Keulen, rot funkelnde Paprikaschoten und zarte Kräuter. Doch es war vor allem die Blütenfülle, die die Besucher staunen ließ – ein Farbenmeer, das Sorgen vergessen machte.
 
Dann lud die Gastgeberin zu Tisch. Aus den Früchten ihres Gartens hatte sie eine kräftige Gemüsesuppe gekocht.
 
Dazu kamen die mitgebrachten Würstchen und das knusprige Baguette, ein schlichtes, aber festliches Mahl. Es wurde gelacht, erzählt, alte Geschichten wurden hervorgeholt, und für einige Stunden war der Alltag mit seinen finanziellen Nöten weit weg.
 
Ein Tag, der nicht schöner hätte sein können
 
Zum Höhepunkt brachte Sibilla Lüpschen am Nachmittag noch einen selbst gebackenen Zwetschgenkuchen auf die Terrasse. Saftig, süß und voller Sorgfalt gebacken – die Krönung eines Tages, der nicht schöner hätte sein können.
 
Als Swana Wendel die Senioren am Abend wieder nach Deggendorf zurückfuhr, war sie müde, aber erfüllt. „Es sind genau diese Momente“, sagt sie, „die mir zeigen, dass ich nicht nur irgendeinen Job habe. Bei Lichtblick habe ich eine Aufgabe gefunden, eine Aufgabe, die das Leben von Senioren ein kleines Stück besser macht.“
 
Und so bleibt von diesem Spätsommertag im Rottal nicht nur die Erinnerung an Suppe, Kuchen und einen blühenden Garten. Es bleibt das Gefühl, dass menschliche Nähe manchmal der größte Lichtblick ist und dass ein kleines Stück Aufmerksamkeit eine Welt heller machen kann.