Ein Leben für Wal­traud

Wolf­gang Zettl­mei­er pflegt seit zehn Jah­ren seine Frau im Wach­ko­ma

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Liebevoll hält und drückt Wolfgang Zettlmeier die verkrampfte Hand seiner Frau. Foto: Christine Kroschinski

Von Christine Kroschinski

Liebevoll streichelt Wolfgang Zettlmeier über das blasse Gesicht seiner Frau Waltraud und drückt ihre Hand. Sie liegt in ihrem Bett und ist in eine warme orange Decke gehüllt. Ob sie seine Liebkosung spürt, ob sie ihn hört, wie er leise erzählt und mit ihr redet ? Man weiß es nicht. Waltraud Zettlmeier liegt seit zehn Jahren im Wachkoma. 

Ihr Mann Wolfgang pflegt sie aufopferungsvoll. Für ihn ist das, was er tut, selbstverständlich. Der 59-Jährige aus Barbing (Landkreis Regensburg) macht für seine geliebte Waltraud alles, was sie nicht mehr selbst kann – und das täglich, rund um die Uhr, seit jenem Tag, der das Leben der Zettlmeiers dramatisch veränderte. Es ist Mittwoch, der 14. September 2011. Waltraud kommt an diesem Abend um 20 Uhr von der Arbeit nach Hause und klagt über starke Kopfschmerzen. Die hatten sie schon am Tag zuvor geplagt. Wolfgang und seine Frau lassen den Abend auf dem Sofa ausklingen. Gegen 22 Uhr kippt sie plötzlich vorn über und verliert das Bewusstsein. Er ruft sofort den Krankenwagen.

Nach schweren Hirnblutungen im Koma

Im Krankenhaus stellt man starke Gehirnblutungen fest. Ihr Leben hängt am seidenen Faden. Man leitet eine Notoperation ein. Dabei wird die Schädelplatte entfernt, um den Druck im Gehirn zu reduzieren. „Vielleicht hat man zu lange gewartet, bis sie operiert wurde“, befürchtet Wolfgang Zettlmeier. Aufgrund der starken Hirnblutung wurde die linke Gehirnhälfte nicht mehr durchblutet und auch die rechte sei schwer geschädigt, so der heute 59-jährige.

Irgendwann, einige Wochen später, sei sie aufgewacht, aber konnte nicht mit der Umwelt interagieren. Die Diagnose: Wachkoma. „Man sieht, dass die Sinne noch funktionieren. Sie hört was, sieht was und reagiert auch in gewisser Weise auf Reize, aber ob aufgrund der schweren Schädigung des Gehirns die Reize intellektuell verarbeitet werden, kann man nicht sagen“, erklärt Zettlmeier.

Zuerst hoffte er noch: „Das wird schon wieder“

Nachdem sie von der Beatmung genommen wurde und anschließend auf Reha kam, stand für ihn fest, dass er seine Frau zuhause pflegen werde. Noch bei der ersten Reha war er hoffnungsvoll, wollte glauben, dass es wieder wird. So wie ihm auch viele Mut zugesprochen haben: „Das wird schon wieder“ oder „Man darf die Hoffnung nicht aufgeben.“ Nach der ersten Reha konnte Wolfgang Zettlmeier seine Frau mit nach Hause nehmen. Dort war schon alles vorbereitet.

Ein Jahr nach der ersten Reha, folgte die zweite. „Aber die hat meiner Frau mehr geschadet als geholfen“, erzählt er. Seiner Ansicht nach saß sie dort viel zu oft und zu lange im Rollstuhl. Er sagt: „Man merkte ihr an, dass ihr das nicht behagte. Und trotz Physio- und Ergotherapie entwickelte sie bereits zu dieser Zeit Spasmen in den Armen und Beinen.“ Eine weitere Reha wollte er ihr nicht zumuten. Seitdem pflegt er seine Frau rund um die Uhr zuhause. Einmal täglich komme der Pflegedienst zur Unterstützung für die Körperpflege. Das reiche vorerst noch. Gegen die Spastiken bekommt seine Frau regelmäßig Physiotherapie.

Er musste immer mehr Aufträge ablehnen

Vor dem Tag, der alles veränderte, führten Waltraud und Wolfgang ein schönes und zufriedenes Leben. Kennengelernt haben sich die beiden vor 39 Jahren über Freunde in Regensburg, wo er studierte. Sie arbeitete als Bürokauffrau und er, der studierte Chemiker, hatte sich als Grafiker für Lehrbücher selbstständig gemacht. Vor 22 Jahren sind die beiden nach Barbing gezogen. Das kinderlose Ehepaar genoss die gemeinsame Zeit mit Unternehmungen oder Aktiv-Urlauben. Als selbstständiger Grafiker sei er gut im Geschäft gewesen, doch nach dem Unglück seiner Frau musste er immer mehr Aufträge abgeben. Auftraggeber hatten zwar Verständnis aufgrund der Situation gezeigt, aber danach wurden die Aufträge immer weniger.

Geldsorgen, Existenzangst und das tiefe, dunkle Loch

Heute seien die wenigen Aufträge, die kaum reichen, um sich und seine Frau über Wasser zu halten, Abwechslung im Alltag. Sein ganzes Leben sei nun auf die Pflege seiner Frau ausgerichtet. Als die anfangs hoffnungsvoll erwarteten großen und kleinen Wunder auf Genesung ausblieben, zog immer öfter bei ihm die Schwermut ein, das gebe er zu. Denn zu allen Sorgen und Ängsten um seine Frau, gesellten sich die Existenzängste und Geldsorgen. Die Situation, dass seine Frau wohl nie mehr den Weg zurück ins Leben finde, habe er irgendwann akzeptiert. Er hat sich bewusst dafür entschieden seine Frau zuhause zu pflegen und im Lauf der Zeit vieles gelernt, wie die Verabreichung künstlicher Ernährung. Sie hatten es sich geschworen: „In guten wie in schlechten Zeiten.“ Deshalb sei er immer an ihrer Seite, denn sie würde dasselbe für ihn tun, davon ist er überzeugt.

Und dennoch nagen die Existenzängste schwer. Wenn er wieder in ein tiefes Loch fällt, versucht er sich aufzurappeln, einfach, weil er muss. Die tägliche Pflege lasse sich bewältigen, denn man wachse mit seinen Aufgaben. Doch, so gibt er zu, sei er relativ gebunden, eine spontane Unternehmung sei kaum möglich. Mal kurz zum Einkaufen ja, aber dann müsse er schnell wieder zurück.

Sein letzter Urlaub war vor neun Jahren

Sein letzter Urlaub war vor neun Jahren, als Waltraud in der Reha war. Da gönnte er sich einen Kurztrip nach Rom. Heute sei so etwas finanziell gar nicht mehr drin. Denn auch wenn es möglich wäre, einen Kurzzeitpflegeplatz zu finden, müsse dies auch finanziert werden. Das würde schon seinen finanziellen Rahmen sprengen und es bliebe kein Geld, um eine kurze Reise zu finanzieren. „Finanziell ist das gar nicht zu stemmen“, meint Zettlmeier und hegt im gleichen Atemzug Sorgen, dass sich seine Frau in einem fremden Heim oder Pflegeplatz womöglich gar nicht wohlfühlen könnte.

Als er vor drei Jahren selbst schwer krank wurde und ins Krankenhaus musste, fand man keinen Pflegeplatz. Waltraud lag die drei Wochen dann mit ihm zusammen im Krankenhaus. Wenn Wolfgang seinen 91-jährigen Vater in Tirschenreuth besuchen will, müsse er das planen und die Versorgung seiner Frau über den Pflegedienst organisieren.

Zu den finanziellen Herausforderungen einer Pflege, den Existenzängsten und Geldsorgen komme auch die Vereinsamung. Dann freut er sich umso mehr, wenn Pfarrer Stefan Wissel bei ihm und seiner Frau reinschaut.