Oma und Enkel trot­zen dem Schick­sal

Nach einer Krebser­kran­kung ist eine 63-Jäh­ri­ge schwer­be­hin­dert und er­werbs­un­fä­hig.

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Babette Maier ist wegen einer Krebserkrankung erwerbsunfähig, weshalb das Geld oft knapp ist. Rund 200 Euro bleiben ihr und ihrem Enkel, den sie aufzieht, monatlich zum Leben. Foto: Ramona Rangott

Landkreis. Zum ersten Mal in diesem Jahr schneit es. Kein Graupel, sondern richtiger Schnee, der in dicken Flocken vom Himmel segelt. Babette Maier (Namen wurden redaktionell geändert) aus Weihmichl steht auf, geht zum Küchenfenster. Mit besorgtem Blick schaut sie nach draußen. Marius braucht neue Winterstiefel, schießt es ihr durch den Kopf. Sie seufzt: Wenn es doch nur das wäre. 200 Euro monatlich – mehr hat die 63-Jährige im Moment nicht zum Leben.


Seit seinem dritten Lebensjahr zieht Babette Maier ihren heute 13-jährigen Enkel Marius alleine auf. Nach der Trennung seiner Eltern lebt der Bub zunächst bei seiner Mutter, Maiers Ex-Schwiegertochter. Solange, bis Oma Babette beschließt, das Kind zu sich zu holen. „Er wurde vernachlässigt“, sagt sie. Oft habe Marius’ Mutter bis in den späten Nachmittag hinein geschlafen, obwohl sie sich um das Kind hätte kümmern müssen.


Als Babette Maier ihren Enkel aufnimmt, hat sie bereits eine lange Krankengeschichte hinter sich. Im Jahr 2003 erhält sie mit 46 Jahren die Diagnose Brustkrebs im höchsten Stadium – die Ärzte geben ihr nur mehr fünf Monate. Die Prognose bewahrheitet sich nicht: 2004 wird ihr die Brust abgenommen, es folgen Chemo- und Strahlentherapie – Maier besiegt den Krebs. Nach Ende der Behandlung ist sie aber zu 80 Prozent schwerbehindert und leidet unter Folgeerkrankungen: Stürze, eine gerissene Schultersehne, zweimal Hautkrebs.


Enkel leidet unter Verlustängsten
„Ich konnte schließlich nicht mehr arbeiten und bekam die Erwerbsunfähigkeitsrente“, erzählt die frühere Putzkraft. Deshalb sind die monatliche Ausgaben für Versicherungen, Reparaturen, Schulmaterialien und Lebensmittel stets knapp bemessen. Ihr Sohn, Marius’ Vater, zahlt zwar Unterhalt für den Buben, sucht aber – obwohl er mit seiner Lebensgefährtin im selben Haus lebt – selten den Kontakt zu seinem Kind. Seine Mutter hat der 13-Jährige schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen.


Umso enger ist das Verhältnis zwischen Oma und Enkel. „Er will immer, dass es mir gut geht“, sagt Babette Maier, nimmt einen Schluck Früchtetee und lächelt. Ein Lächeln, in dem sich auch Sorge abzeichnet. „Er hat unglaubliche Angst, dass mir etwas zustößt“, murmelt sie. Seit einiger Zeit verlasse Marius das Haus nur mehr ungern, um für seine Oma da zu sein, sollte ihr etwas passieren.
Neben den Verlustängsten leidet Marius aber auch an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ). Hinzu kommt eine Insekten-Phobie, die den Alltag erschwert. „Er hört immer so ein Surren“, erzählt seine Großmutter. „Ich war schon mitten in der Nacht damit beschäftigt, Mücken in seinem Zimmer zu jagen, obwohl gar keine da waren.“


In der Schule hat der Junge einige Probleme, obwohl er intelligent ist, gerne zeichnet und sich für Technik und Mathe interessiert. Von Mitschülern kapselt er sich ab, hinzu kommt die Vergesslichkeit durch die ADHS. Ebenso wie er beispielsweise vergisst, den Wasserhahn abzudrehen, wenn er ein Bad einlässt, vergisst er trotz Lernens die Groß- und Kleinschreibung bei seinen Englisch-Vokabeln, erklärt Babette Maier. „Besser ist es erst geworden, als er Medikamente bekommen hat. Er konnte dann von der Förderschule auf die Hauptschule wechseln“, erzählt sie. Durch das Corona-Homeschooling habe Marius in der Schule allerdings wieder nachgelassen, viel Stoff habe er nicht intensiv genug bearbeiten können, da die kleine Familie weder einen Computer noch einen Drucker besitzt.


Leben am finanziellen Minimum
Im Moment leben Babette Maier und ihr Enkel von 200 Euro, die ihnen nach allen Abzügen monatlich übrig bleiben. Wenn ihr Enkel im Supermarkt sein Lieblingsobst, Wassermelone, möchte, muss Maier oft nein sagen. „Wenn sie über 1,74 Euro kostet, können wir uns das nicht leisten“, sagt sie und beobachtet nachdenklich das Schneetreiben vor dem Küchenfenster.


Vor kurzem ging ihr Auto kaputt, auf das sie wegen ihrer vielen Arzttermine angewiesen ist. Marius bräuchte neue Winterstiefel, ein größeres Bett und ein Fahrrad, an dem er sich nicht mehr die Knie anstößt, weil es ihm zu klein ist. „Dann hätte er auch wieder mehr Freude daran, rauszugehen. Früher ist er gerne Rad gefahren.“ Daneben stehen Ausgaben für einen neuen Herd, eine Geschirrspülmaschine und eine Waschmaschine an – diese funktionieren nicht mehr richtig.
Betreut wird die Familie im Auftrag des Kreisjugendamtes durch eine ambulante Familienhilfe. Neben dieser Unterstützung möchte die Aktion „Freude durch Helfen“ nun auch einen finanziellen Beitrag leisten, damit sich die Lebenssituation von Großmutter und Enkel verbessert.