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Die gefüllten Regale täuschen. Laut Andrea Schönberger ist die Zahl der Bedürftigen von einst rund 30 auf 70 Haushalte gestiegen. Dagegen geht seit Monaten die von den Märkten zur Verfügung gestellte Lebensmittelmenge zurück. Foto: Thomas Linsmeier

Von Thomas Linsmeier

Furth im Wald. Die Schere zwischen denjenigen, die wirklich im Wohlstand leben, und den Bürgern, die den Euro nicht nur zweimal umdrehen müssen, öffnet sich immer mehr. Die Corona-Krise hat das Ganze noch verschärft. Das weiß kaum jemand besser als Andrea Schönberger. Die Gleißenbergerin managt seit Jahren die Hilfseinrichtung der Malteser im Vinzenzhaus von Furth im Wald. Mittlerweile kommt man auch dort – trotz der großen Solidarität – an die Grenze des Machbaren.

Und das aus zweierlei Gründen. Zum einen ist die Zahl der Bedürftigen in Furth im Wald und Umgebung deutlich angestiegen. Als die Malteser vor sieben Jahren in Furth im Wald erstmals ihre Hilfe angeboten hatten, ging man von 30 bis 40 Haushalten aus, die diese Angebote nützen werden. „Nun sind es um die 70 Haushalte“, betont Schönberger. Die Zahl der Bedürftigen habe sich also allein im Raum Furth im Wald innerhalb weniger Jahre nahezu verdoppelt. Anzeichen, dass sich die Lage entspannen könnte, seien nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil.

Die Corona-Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen habe die Situation sogar noch merklich verschärft. Nicht wenige Bürger seien von Arbeitslosigkeit oder zumindest von Kurzarbeit betroffen. Letztere belaste vor allem die Haushalte, die schon vor Covid-19 genau rechnen mussten, um über den Monat zu kommen. Oder auch solche, die Kredite abbezahlen müssen. „Viele schämen sich dafür, obwohl man sich dafür nicht schämen muss. Wir helfen da diskret“, versichert die Leiterin der Hilfseinrichtung im Vinzenzhaus. Wenn diese Familien ihre finanzielle Situation glaubhaft belegen können, kommen auch sie in den Genuss der Lebensmittel.

Malteser müssen Lebensmittel hinzukaufen

An die Grenze des Machbaren stoßen Schönberger und ihr Team, das mittlerweile aus 50 Ehrenamtlichen besteht, auch deshalb, weil das, was sie den Hilfsbedürftigen geben können, in den letzten Monaten weniger geworden ist, „sehr viel weniger“, wie die Malteser-Leiterin unterstreicht. „Das ist bei weitem nicht mehr so viel wie es vor Jahren noch war.“ Grund: Die Märkte und Discounter reagieren zunehmend auf die Kritik, dass täglich vieles weggeworfen wird, weil es vielleicht optisch nicht mehr den Ansprüchen genügt oder die Mindesthaltbarkeit bereits abgelaufen ist. Für diese Lebensmittel seien Hilfsdienste wie die Malteser immer dankbare Abnehmer. Doch mittlerweile sei es so, dass diese Produkte in den Märkten selbst zur Hälfte des Preises oder weniger angeboten werden.

Um diesen Spagat zwischen immer weniger gespendeten Lebensmitteln und steigender Zahl an Bedürftigen zu schaffen, kaufen die Malteser mittlerweile sogar selbst ein. Hierfür werden neben den Einnahmen aus der Kleiderkammer auch Spendengelder, die insbesondere während der Weihnachtszeit eingehen, verwendet. „Wenn es irgendwo ein Angebot gibt, dann schlagen wir halt zu, damit wir günstig einkaufen können.“ Die Nächstenliebe geht im Vinzenzhaus sogar soweit, dass die Malteser beispielsweise Kaffee, den sie für ihr Helfer-Team gespendet bekommen, an die Bedürftigen weitergeben.

Kleiderstadl ist auch für Nichtbedürftige zugänglich

Doch trotz aller Bemühungen wachse die Herausforderung, die Bedürfnisse stillen zu können, immer mehr. „Wenn es noch mehr Haushalte werden, denen wir helfen müssen, dann wird es ganz, ganz schwierig“, macht die Malteser-Teamleiterin keinen Hehl aus der Problematik, zumal sie auch überzeugt ist: „Die Zeiten werden noch schwieriger.“

Hier wollen wir im Rahmen unserer Weihnachtsaktion „Freude durch Helfen“ den Maltesern in Furth im Wald finanziell unter die Arme greifen. Für sie ist es auch wichtig, dass die Leute den Kleiderstadl der Malteser als eine Art „Second-Hand-Laden“, der jedem Bürger offen steht, sehen. Das heißt: Nicht nur Bedürftige können sich hier was Passendes aussuchen. Lediglich beim Preis wird unterschieden. So erhalten beispielsweise die Bedürftigen einen Pullover für 50 Cent, eine Winterjacke ab vier Euro. Der normale Bürger zahlt hingegen etwas mehr; für ihn kostet beispielsweise eine Winterjacke ab sieben Euro aufwärts. Mit dem eingenommenen Geld werden zum einen die Kosten getragen, zum anderen Lebensmittel für die Bedürftigen zugekauft. Aus diesem Grund sind auch Nichtbedürftige im Kleiderstadl stets herzlich willkommen.

Ebenso natürlich auch solche Bürger, die zu Hause Kleider aussortieren. „Bevor diese in irgendeinem Container landen, sollten die zu uns gebracht werden. Wir schauen dann, was noch brauchbar ist, und entsorgen den Rest selbst“, so die Team-Leiterin.

Wie dringend Bürger aus dem Einzugsgebiet Furth im Wald, Gleißenberg, Arnschwang, Eschlkam und Neukirchen b. Hl. Blut auf diese Hilfe angewiesen sind, habe sich vor allem kürzlich gezeigt. „Die haben Angst davor, dass wir zumachen“, weiß Schönberger.

Deutlicher könnte die Not mancher Menschen wohl kaum zum Ausdruck gebracht werden als mit dem, was einer der Bedürftigen zu Andrea Schönberger vor Kurzem gesagt hat: „Wenn es euch nicht mehr gibt, dann müsste ich stehlen gehen...“