„Er ver­dient, dass er was er­le­ben kann“

„Er ver­dient, dass er was er­le­ben kann“

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Nach seinem schweren Unfall muss der achtjährige Felix unzählige Operationen und Therapien über sich ergehen lassen. Trotzdem gibt er nicht auf. Sein Ziel: Er möchte wieder laufen können. Symbolfoto: Patrick Pleul/dpa

Von Hans Reimann

Ein einziger Moment kann ein Leben für immer verändern. Für Manuela Schneider und ihren acht Jahre alten Sohn Felix (alle Namen geändert) war dieser Moment an einem Tag im Frühsommer. Wie so oft war der lebhafte und fröhliche Bub auf sein Fahrrad gestiegen und losgeradelt. Nicht weit vom Elternhaus passierte das Unvorstellbare: Ein Auto erfasste Felix und verletzte ihn schwer.

„Dann hat‘s geknallt“, erinnert sich Manuela. Für sie war es der schlimmste Moment in ihrem Leben, ihren Sohn verletzt auf der Straße liegen zu sehen. Der Schock sitzt tief, auch heute kann sich Manuela nur bruchstückhaft an diesen Tag erinnern.

Mit dem Hubschrauber wird Felix in eine Klinik geflogen. Stundenlang wartet Manuela darauf, zu ihrem Sohn zu dürfen. Als sie ihn dann sieht, ist sie vom Anblick der vielen Schläuche und Apparate erschüttert. Völlig entkräftet bricht sie zusammen. Zweimal erleidet Felix im Krankenhaus einen Herzstillstand, jedes Mal kämpft er sich mit Hilfe der Ärzte ins Leben zurück. Mehrere Operationen muss er über sich ergehen lassen. „Nach der zwanzigsten OP habe ich aufgehört zu zählen“, sagt Manuela.

Fünf Wochen liegt der Achtjährige im Koma. Als Felix erwacht, ist er nicht mehr derselbe. Seine rechte Körperhälfte ist fast völlig gelähmt, die linke leidet unter unkontrollierten Muskelzuckungen. Sprechen kann er nicht mehr. Selbst einfache Dinge wie essen und schlucken sind nicht mehr möglich.

Ein halbes Jahr in der Reha

Nach dem Krankenhaus muss Felix zur Reha. Die Therapien sind zahlreich: Physio- und Ergotherapie, Logopädie. Wie im Krankenhaus weicht Manuela ihrem Sohn auch dort nicht von der Seite.

Eines Tages kommt Manuela ins Zimmer ihres Sohnes und begrüßt ihn, wie jeden Tag, mit den Worten: „Hey Schatz, Mama ist da.“ Zu ihrer Überraschung spricht Felix sein erstes Wort seit zwei Monaten. Ein kurzes „Hey“, antwortet er. Für Manuela sind alle Dämme gebrochen. Sie rennt und holt eine Schwester. Die will im ersten Moment nicht glauben, dass Felix gesprochen hat, doch Felix begrüßt auch sie mit einem „Hey“.

Damit beginnt für den Achtjährigen der lange Kampf zurück ins Leben. „Er hat bei null angefangen“, erzählt die Mutter. Bei der Erinnerung an diese schwere Zeit kommen ihr die Tränen. „Aber er ist eine richtige Kämpfernatur. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, wieder laufen zu können.“ Auf die Willenskraft ihres Sohnes ist Manuela sichtlich stolz. Der macht in der Reha enorme Fortschritte. Damit habe niemand gerechnet, nicht einmal die Ärzte, sagt Manuela. Das Sprechen und Essen wird immer besser, auch die Lähmungserscheinungen gehen etwas zurück. Mit viel Anstrengung, und gestützt durch Ortheseschienen, kann Felix stehen und kleine Strecken laufen.

„Man weiß gar nicht mehr, wie es zu Hause ist“

Insgesamt verbringen Manuela und Felix sechs Monate in der Rehaklinik. Die Zeit im Krankenhaus eingerechnet, waren beide seit einem Dreivierteljahr nicht mehr Zuhause. Im Februar kommen sie wieder heim. „Man weiß gar nicht mehr, wie es zu Hause ist“, sagt Manuela. Die beiden müssen in den heimischen vier Wänden erst einen neuen Alltag finden. Dazu gehört auch eine neue Schule für Felix. Die hat Manuela schon gefunden – sie ist auf die körperliche und motorische Förderung spezialisiert, es gibt eigene Therapien im Haus, auch die Mittagsverpflegung ist dabei.

Der Neubeginn für Felix fällt allerdings aus. Die Corona-Pandemie erreicht Deutschland und der Lockdown folgt – so muss die Schule im März vorübergehend schließen. „Dann steht man da“, erinnert sich Manuela an diesen Moment, „und alles fällt auf einen ein“. Nicht nur die Schule fällt aus, sondern auch viele notwendige Arztbesuche sind nicht mehr möglich.

Felix macht Rückschritte. Die Mutter kann nur bedingt helfen, orthopädische und logopädische Übungen mit ihrem Sohn machen. Aber die wichtige Physiotherapie kann sie nicht ersetzen. Die braucht Felix täglich. „Die Schulschließung war eine Katastrophe“, sagt Manuela. Ihr Sohn sei aus der Reha laufend nach Hause gekommen, doch bald habe er wieder im Rollstuhl gesessen.

Das brachte im Alltag große Probleme für Manuela und Felix mit sich. Die Wohnung musste rollstuhlgerecht umgebaut werden, ebenso wie das Bad. Selbst alltägliche Kleinigkeiten seien nicht immer leicht, „mit den Hosen geht’s schon los“, sagt Manuela. Diese müssten über die Ortheseschienen passen. Und im besten Fall sollen sie Felix auch noch gefallen.

Seit dem Unfall kümmert sich Manuela rund um die Uhr um ihren Sohn. Sie ist alleinerziehend. Bereits jetzt ist jede Woche bis in den Januar für Manuela und Felix mit Arztterminen belegt. An eine reguläre Arbeit ist gar nicht zu denken. So ist die Mutter auf die Leistungen der Pflegekasse und des Jobcenters angewiesen. Neben der Pflege kommen auch Behördengänge und Briefverkehr mit Ärzten, Kliniken und Krankenkassen dazu. „Mit allem hat man zu kämpfen.“ Das koste nicht nur Nerven, sondern man müsse teils um Hilfe betteln, sagt sie mit spürbarer Enttäuschung. „Man muss den Kopf überall haben und nichts vergessen. Das ist schon hart.“ Dabei komme sie manchmal an ihre Grenzen, gibt Manuela zu.

Man mag sich fragen, wie es die Mutter schafft, trotz der vielen Belastungen weiter zu machen. Sie liebt ihren Sohn über alles, ist stolz, wie viel er geschafft hat und wie er mit seiner Situation umgeht. „Er ist ein lebhafter und aufgeweckter Junge – eine echte Frohnatur. Er ist immer fröhlich und hilfsbereit.“ Er gebe nie auf und sei immer zuversichtlich, sagt die Mutter.

Die Schmerzen würde Manuela ihrem Sohn gerne nehmen. Aber da das nicht möglich ist, möchte sie ihm zumindest ein schönes Leben ermöglichen. „Er verdient, dass er was erleben kann.“ Die Leidenschaft ihres Sohnes gilt Motoren aller Art. Bereits vor dem Unfall hatte er ein Kinderquad, für die Zukunft wünschte er sich ein Motorrad. Ob er jemals auf einem Zweirad sitzen kann, ist ungewiss. Stattdessen möchte Manuela ihm einen Kinderbuggy schenken. „Den Traum will ich ihm erfüllen.“

Das ist ein großer Traum, weiß Manuela. Sie hat ohnehin schon mit vielen Kosten zu kämpfen. Die werden oftmals nur teilweise übernommen. So hat sie beispielsweise den Rollstuhl als Leihgabe erhalten. Der Felgenschutz, damit Felix nicht mit den Händen in die Speichen kommt, kostete aber 140 Euro. Es gebe viele „Kleckerbeträge“ dieser Art. Dazu kommen größere Kosten, wie die der Badsanierung. Was da auf sie zukommt, weiß Manuela noch nicht. Aber allein eine passende Badewanne würde um die 2 000 Euro kosten.

Trotz der Schwierigkeiten, mit den Manuela zu kämpfen hat, ist sie dankbar für die Hilfe, die sie und Felix erhalten. Viele Nachbarn hätten sie unterstützt, auch der Vermieter, der kurzerhand die Rampe zur Eingangstür gebaut habe. „Ich weiß nicht, wie ich die Hilfe wiedergutmachen kann“, sagt sie.