Ein Leid, das für meh­re­re Leben ge­reicht hätte

Drei­fa­che Mut­ter aus dem Kreis Regen er­fuhr mehr­fach Ge­walt und Un­ter­drückung in der Part­ner­schaft und ver­lor am Ende fast ihr gan­zes Hab und Gut

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Lange ließ die Frau die Gewaltausbrüche ihres Partners über sich ergehen, doch eines Tages ergriff sie mit ihren Kindern die Flucht. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Von Johannes Bäumel

 

Regen. „Das, was du durchmachen musstest, das hätte für mehrere Leben gereicht“, sagte eine Bekannte einmal zu Astrid, einer jungen Frau aus dem Kreis Regen. Ihr Name wurde geändert, den genauen Wohnort der 40-Jährigen nennen wir zu ihrer eigenen Sicherheit nicht. Die dreifache Mutter litt Jahre lang unter der Aggressivität ihres Mannes, dem Vater ihrer Kinder. „Als die Kleine etwa ein Jahr alt war, ging es los“, beschreibt Astrid die Ausraster ihres Mannes. Seine Aggressivität hatte er ihren Schilderungen nach immer weniger unter Kontrolle.

„Ich bin durch die Hölle gegangen“

Er habe randaliert in der Wohnung, das Telefonkabel gekappt, damit sie niemanden verständigen konnte und sei – als sie zum dritten Mal schwanger war, auch noch fremdgegangen. Astrid sagt: „Ich bin durch die Hölle gegangen.“

Fix und fertig sei sie gewesen, habe unter Depressionen gelitten. Als sie überhaupt nicht mehr weiter wusste, sogar Selbstmordgedanken aufkamen, ließ sie sich helfen und kam schließlich ins Frauenhaus nach Passau. Dort gewann sie Abstand von allem, konnte mit großer Mühe wieder aufgepäppelt werden, wurde anschließend auf Medikamente gegen ihre Depression eingestellt und bekam sozialpädagogische Familienhilfe. Durch eine Unterstützung vom Staat konnte sie sich selbst eine Wohnung suchen und mit dem Nötigsten einrichten. „Ich hatte meine Akkus wieder aufgeladen und es ging bergauf“, erzählt die 40-Jährige.

Als ihr Jüngster etwa ein Jahr alt war, lernte sie einen neuen Mann kennen. Anfangs lief alles gut: „Ich hatte die Hoffnung, auf eine bessere Zukunft.“ Auch mit ihm wollte Astrid noch ein Kind, wurde schwanger, aber hatte eine Fehlgeburt.

Von diesem Zeitpunkt an, so beschreibt sie es, habe sich ihr Partner verändert, habe nach und nach immer aggressiver reagiert. „Er war selbstständig, ich dachte, er hat einfach viel um die Ohren“, sagt die dreifache Mutter. Mit Ausreden wie diesen hatte sie sich die Veränderungen erklärt, ja sogar selbst eingeredet.

Die beiden zogen schließlich zusammen aufs Land, mieteten sich ein altes Haus, das sie renovieren wollten. „Er als Selbstständiger hatte wenig Zeit und war in seiner Firma eingebunden. Er verlangte von mir, dass ich das Haus herrichte, weil ich daheim war.“ Eine Arbeit hatte Astrid zu diesem Zeitpunkt nicht, auch keinen Führerschein. „Ich saß da fest“, erinnert sie sich, „und wehe, am Haus war kein erkennbarer Fortschritt, wenn er heimkam, dann ist er richtig ausgerastet.“

„Einmal hat er die Zigarette auf mir ausgedrückt“

Immer schlimmer sei es mit der Zeit geworden, schildert sie unter Tränen. „Einmal hat er die Zigarette auf mir ausgedrückt“, erzählt Astrid und zeigt auf die betroffene Körperstelle, geschlagen und sogar einmal eingesperrt habe er sie. Sätze wie „heute erlebst du den schlimmsten Tag deines Lebens“ haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, machen nur noch fassungslos. „Und man kann nicht einfach weg ohne Auto“, rechtfertigt sie ihre Entscheidung, trotzdem bei dem Mann gelieben zu sein. Zudem wollte sie ihren Jüngsten, der seinen biologischen Vater gar nicht gekannt hatte, nicht auch diesen Papa wegnehmen.

Doch eines Tages, es war nach einer Feier, eskalierte die Situation komplett. Ihr Partner sei vor dem auf dem Boden kauernden Jungen gestanden, habe diesen mit Beschimpfungen und Schuldzuweisungen bombardiert und erklärt, dass er schuld sei, dass die Beziehung in die Brüche gehe. Als Astrid einschreiten wollte, habe er sie geschlagen – vor den Augen der Kinder. Diese hätten geschrien und versucht, ihrer Mutter zu helfen, die älteste Tochter, habe versucht, auf den Mann loszugehen und schließlich sei ein Gast der Feier zu Hilfe gekommen, habe eingegriffen und Schlimmeres verhindert.

Einige Wochen später fasste Astrid dann einen Entschluss: „Wir müssen hier weg.“ An einem Feiertag in aller Herrgottsfrühe packte sie die nötigsten Sachen von sich und den Kindern zusammen und schlich sich mit ihnen aus dem Haus, während der Mann noch schlief.

„Wir haben uns in einem Gebüsch versteckt“

 Riesig war die Angst, dass er etwas bemerken und die Vier an der Haltestelle abfangen könnte, noch bevor sie es schaffen, in den Bus einzusteigen. „Wir haben uns in einem Gebüsch versteckt“, schildert Astrid die Situation, die an einen schlechten Film erinnert.

Selbst am Bahnhof war die Nervosität groß, ob sie es denn noch rechtzeitig in den Zug in Richtung ihrer Heimat, dem Landkreis Regen, schaffen würden. „Als wir dann endlich im Zug saßen, haben wir alle vier begonnen zu weinen, so erleichtert waren wir“, sagt sie. Dem Partner hatte sie einen Brief hinterlassen, dass sie nie wieder zurückkommen werden.

Inzwischen hat die 40-jährige Frau wieder eine Wohnung. Nur: Einen staatlichen Zuschuss für die Erstausstattung gab es ja damals schon, als sie aus dem Frauenhaus kam. Daher musste sie sich dieses Mal mühevoll übers Internet günstige Gebrauchtmöbel suchen, teilweise bekam sie auch Spenden, so dass zumindest für das Nötigste gesorgt war. Noch immer fehlt es an allen Ecken und Enden. Nicht nur, dass die Wohnung für drei Personen – die Älteste Tochter ist inzwischen ausgezogen – mit 60 Quadratmetern viel zu klein ist. Es mangelt auch an Einrichtungsgegenständen. „Wir haben ja nur das Nötigste mitgenommen auf unserer Flucht. Die Kinder und ich, wir haben fast unser ganzes Hab und Gut verloren“, so die Frau.

Ihr Ein und Alles, ihre Kinder, hat sie immerhin noch: „Das sind so tolle Kinder. Die sind durch das Ganze zu so tollen und sozialen Menschen gewachsen. Und wir halten immer fest zusammen.“