Sie rei­chen die Hand auf dem letz­ten Weg

Der Ho­spiz­dienst be­glei­tet schwer­kran­ke und ster­ben­de Men­schen und ihre An­ge­hö­ri­gen

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Niemand muss schwere Zeiten alleine durchstehen: Ottilie Zisler freut sich immer über den Besuch der ehrenamtlichen Hospizbegleiterin Agnes Niebler. Foto: Andrea Macht

Von Melanie Haimerl


Cham. Miteinander reden und schweigen, zuhören und da sein: Mit diesen scheinbar einfachen Gesten haben Andrea Macht und Ferdinand Schwarzfischer schon vielen Menschen geholfen. Die Hospizkoordinatorin und der ehrenamtliche Leiter begleiten sterbende oder kranke Menschen und deren Angehörige, gehen ein Stück des schweren Weges gemeinsam mit ihnen. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – vieler bewegender Momente bei ihrer Arbeit im Hospizdienst versprühen die beiden eine Herzlichkeit und Empathie, die ansteckend wirken.

„Wir leisten vor allem eine psychosoziale Betreuung“, erklärt Koordinatorin Macht. Und das seit 1995. So lange gibt es den Hospizdienst im Caritasverband für den Landkreis Cham schon. Ergreifend sind die Gespräche, tiefgehend manche Blicke oder Gesten, unbezahlbar die Momente am Krankenbett – so erfüllen die Helfer ihre Aufgabe mit Leben, und zwar individuell auf die Situation abgestimmt. Alles beginnt immer mit einem Anruf bei Andrea Macht. „Meistens sind es Angehörige oder das Umfeld. Nur selten melden sich die Betroffenen selbst.“ Beim Erstbesuch klärt Macht die allgemeinen Fragen: Was braucht die Familie und welcher Helfer kommt in Frage. Schwarzfischer gibt konkrete Beispiele. Ist den Menschen mit gemeinsamen Gesprächen geholfen, wie sieht die Betreuung aus, braucht die Familie vielleicht eine bestimmte Ausstattung wie beispielsweise ein Pflegebett? Doch er betont: „Wir können nicht die Pflege übernehmen oder ersetzen.“

Reden über Tod, Sterben und Schwammerlplätze
Vielmehr geben sie Beistand, reden mit den Betroffenen oder Angehörigen über den Tod, über das Sterben. „Oder über das Wetter und die geheimen Schwammerlplätze“, erzählt Macht. Aus Erfahrung weiß auch Schwarzfischer: Belanglose Themen tun gut, holen die Menschen raus aus der Blase rund um Krankheit und Sterben. Ein herzliches Lachen in der oft traurigen Situation – und alle haben wieder neuen Lebensmut. „Gerade in solchen Situationen sind wir mit den Menschen schnell auf einer sehr vertrauten Ebene.“ Viel Zeit zum "Erst-mal-Beschnuppern" bleibt in den seltensten Fällen.

Schwarzfischer erinnert sich an Familien, in denen er nur ein oder zweimal war. Sein Wunsch: „Wenn uns die Menschen nur früher verständigen würden.“ Dann bliebe oft mehr Zeit für Gespräche. Einmal in der Woche gehen die Helfer in der Regel in ihre Familie. „Je näher das Lebensende rückt, desto häufiger werden die Besuche“, erklärt Macht. „Das spürt man aber.“ Schwarzfischer kann sich da ganz auf sein inneres Gefühl verlassen. Vor allem, wenn die Patienten zu Hause gepflegt werden, verlangt der Besuch des Hospizhelfers oft viel Fingerspitzengefühl. „Der Alltag des Betroffenen ist stark durchgetaktet.“ Ärzte, Krankengymnasten, Pflegedienste, Freunde, Familie und Bekannte geben sich die Klinke in die Hand. „Und dann kommen auch noch wir“, sagt Macht. Doch die Menschen merken, dass ihnen der Besuch gut tut. Und dafür räumen sie dann gerne noch zusätzlich Zeit ein.

Zeit zur Bewältigung der Situation nimmt sich entweder jeder Helfer für sich selbst oder aber gemeinsam in der Gruppe. „Viele gehen zum Beispiel in der Natur spazieren.“ Schwarzfischer hilft es, die Beerdigung des Verstorbenen zu besuchen. „Erst dann ist die Betreuung eines Menschen für mich ganz abgeschlossen.“

Doch die Hospizdiensthelfer, die übrigens ehrenamtlich arbeiten, machen ihre Arbeit aus Überzeugung. Die Beweggründe sind verschieden. Eigene Erfahrungen spielen dabei eine große Rolle. Viele sehen die Hospizhelferausbildung auch als Zusatzqualifikation im Pflegeberuf. Und dann gibt es noch die, die der Welt etwas zurückgeben wollen. „Einfach nur, weil es ihnen selber gut geht.“ Schwarzfischer hat längst die Hemmungen gegenüber dem Tod verloren. Und auch Andrea Macht hat das Gefühl, dass jeder, der sich damit auseinandersetzt, viel bewusster lebt. „Etwas verschieben auf irgendwann – das haben viele nun abgelegt.“

„Die schönen Momente überwiegen“
Damit der Hospizdienst auch in Zukunft noch viele Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleiten kann, braucht es zum einen weitere Helfer und zum anderen die Möglichkeit, sich weiterzubilden. „Aber das kostet Geld.“ Deshalb wollen die Verantwortlichen die Spende von „Freude durch Helfen“ vor allem in die Aus- und Weiterbildung von Helfern investieren. 2021 möchten sie im Landkreis ein weiteres Projekt etablieren: „Hospiz macht Schule“ heißt es und richtet sich vorrangig an die dritten und vierten Jahrgangsstufen. Kindgerecht und aufgeteilt auf verschiedene Stationen sollen sich die Kinder mit dem Tod auseinandersetzen. Doch die Helfer müssen dafür geschult sein. Zudem kostet das Material Geld.
Macht und Schwarzfischer machen ihre Arbeit gerne. „Wir bekommen so viel zurück.“ Sei es ein netter Blick, ein Händedruck, eine Umarmung. Es sind die kleinen Dinge, in denen viel Herzlichkeit steckt. Und egal, wie traurig die Situation ist. „Die schönen Momente überwiegen.“