„Re­spekt und Liebe fehl­ten plötz­lich“

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"Gewalt": Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ex-Mann verbrachte Gabriela M. mit ihrer Tochter lange Zeit in einem Frauenhaus. Symbolbild: Britta Pedersen/dpa

Gabriela M. und ihre Tochter wurden Opfer häuslicher Gewalt. Heute kämpfen sie nach einem Frauenhausaufenthalt für ein eigenes Leben – doch das Geld ist knapp

 

Von Franziska Hofmann


In vielerlei Hinsicht ist Svenja eine typische Zehnjährige: Sie hängt oft am Handy, zeichnet gerne, hat Spaß beim Inlinern und zofft sich manchmal mit ihren Geschwistern. Auf der anderen Seite aber unterscheidet sie sich gravierend von Gleichaltrigen. Krankenhausaufenthalte, Chemo und OPs dominierten vier Jahre lang ihr junges Leben, nachdem die Ärzte Knochenkrebs diagnostizierten.

Gemeinsam mit ihrer Mutter Christina Jetz sitzt Svenja am langen Holztisch im Esszimmer, die Fenster sind weihnachtlich dekoriert, der Holzofen verbreitet wohlige Wärme. Auf einem Blatt Papier kritzelt sie „Among Us“-Figuren: „Mein Lieblingsspiel am Handy“, verrät sie, „und mein Lieblingsmotiv beim Zeichnen.“
Svenja ist ein offenes, aufgewecktes Kind. Sie erzählt davon, wie sie im Sommer Inlinern gelernt hat, von den sechs Hasen im Schuppen und den drei Geschwistern, die zwölf, sechs und eineinhalb Jahre alt sind. Genauso bereitwillig erinnert sie sich daran, wie sich ihr Leben vor vier Jahren von Grund auf änderte. „Ich hatte ständig so starke Schmerzen im Oberschenkel“, beginnt sie und schildert dann gemeinsam mit ihrer Mutter die lange Odyssee, die folgte.

Ärzte vermuteten harmlose Wachstumsschmerzen

Die Familie klapperte verschiedene Ärzte ab, alle vermuteten hinter den Schmerzen Wachstumsbeschwerden oder Hüftschnupfen, nichts Ungewöhnliches. „Aber dann verlor Svenja in kürzester Zeit sehr viel Gewicht, sie hatte keinen Appetit mehr, nicht einmal auf ihr Leibgericht, die Rouladen von Oma. Sie war ständig müde und wurde zusehends apathischer“, blickt die 32-jährige Mutter zurück. In der Kinderklinik Passau schließlich wurde nach einem MRT die niederschmetternde Diagnose gestellt: Knochenkrebs, ein 18 Zentimeter langer Tumor wucherte im linken Oberschenkel des Kindes.
Mit einem Rettungswagen wurde das Mädchen sofort nach Regensburg in die KUNO-Kinderklinik gebracht und eine Biopsie durchgeführt. Das Ergebnis: ein Ewing Sarkom, ein seltener, bösartiger Tumor, der vor allem im Kindes- und Jugendalter auftritt.
Es folgten 14 Monate Chemo, gut die Hälfte dieser Zeit musste Svenja im Krankenhaus verbringen. Ein Kraftakt für das Kind – „Mir war fast immer übel und ich hatte Heimweh“ –, aber auch für die ganze Familie. „Einmal riefen die Krankenschwestern mitten in der Nacht an, dass Svenja so viel weint und sich nicht beruhigen lässt, und ich fuhr um 3 Uhr früh nach Regensburg. Als ich dort war, schlief sie tief und fest“, sagt Christina Jetz.
Svenja schafft es, von dieser Zeit auch Positives erzählen: „Ich durfte so viel Cola trinken, wie ich wollte.“ Sie fand einen Freund in der Klinik , Lukas, der an Leukämie erkrankt war. Lachend berichtet sie auch von dem Ständer mit Infusionen, der ihr ständiger Begleiter war. Den taufte sie „Barthel“, die Kurzform von Bartholomäus. Mit Barthel sauste sie manchmal so flott durch die Gänge, bis das Gerät zu piepsen begann.
Durch die Chemo schrumpfte der Tumor, trotzdem rieten die Ärzte dringend zu einer Amputation, weil das Ewing Sarkom zu den besonders aggressiven Krebsarten zählt. Mit acht Jahren wurde Svenja der linke Oberschenkel entfernt und eine Umkehr-Plastik eingesetzt. Das heißt, der untere Unterschenkel samt Fuß wurde an die Hüfte genäht und das um 180 Grad verdreht. Ihr linker Fuß zeigt nach hinten, das Sprunggelenk ersetzt das Kniegelenk und an den Fuß wird die Prothese befestigt.

In der Klinik wurde Svenja Sonnenschein genannt

„Auf der Station wurde Svenja von jedem nur Sonnenschein genannt“, erzählt ihre Mutter mit Stolz in der Stimme. „Sie war so unfassbar tapfer und hat bereits drei Tage nach der OP ihre ersten Gehversuche mit Krücken gemacht.“ „Ich hatte es so satt, im Rollstuhl zu sitzen“, wirft Svenja ein.
Die Zehnjährige liebt es, in Bewegung zu sein. Zuhause bleibt ihre Prothese meistens in der Ecke, weil sie mit der Zeit drückt. Aber auch ohne dieses Hilfsmittel ist sie unwahrscheinlich flott unterwegs. Sei es hüpfend auf einem Bein oder mit den Krücken. Die machen es sogar möglich, dass Svenja im Garten Fußball spielt. Sie stemmt sich an den Krücken hoch und kickt mit dem gesunden Bein.
Gemeinsam mit ihrer Familie ist die Viertklässlerin im Oktober von Viechtach nach Grafenwiesen (Landkreis Cham) gezogen. Statt in einer Drei-Zimmer-Wohnung leben sie nun in einem kleinen Häuschen mit Garten. Und hier kommt Svenjas Herzenswunsch ins Spiel. Ein Hund. „Bisher war ich dagegen“, so die Mutter, die Altenpflegehelferin gelernt hat, „wir hatten weder den Platz noch die Zeit für einen Hund. Aber mittlerweile glaube ich, dass ein Therapiehund für Svenja ein guter Gefährte wäre.“
Ein vierbeiniger Freund, der zuhört, wenn das Mädchen davon erzählt, wie andere sie anstarren oder sich über ihre Behinderung lustig machen. Der sie tröstet, wenn sie alle zwölf Wochen zur Nachsorgeuntersuchung muss. Und der sie begleitet, wenn sie Fahrradfahren oder Inlinern übt. Denn Svenja ist nicht so leicht zu bremsen ...

 

Info: Freude durch Helfen
Ein ausgebildeter Therapiehund kostet mehrere Tausend Euro. Mit Spenden aus „Freude durch Helfen“ kommt die Familie Jetz diesem Ziel ein bisschen näher.