Neue Couch wäre ein klei­ner Licht­blick

Kün­di­gung: Her­bert und Re­na­te B. su­chen neue Woh­nung – Ob­dach­lo­sig­keit droht

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Das Bad ist schimmlig. Nicht nur deshalb müssen Herbert und Renate B. bald eine neue Wohnung finden. Foto: gt

Wenn sie bis 31. Januar keine neue Wohnung gefunden haben, sitzen Herbert B. und seine Frau Renate (Namen von der Redaktion geändert) auf der Straße. Ihr Vermieter könnte dann eine Räumungsklage gegen die beiden erwirken, weil er das Haus, in dem die sie die Wohnung im Erdgeschoss bewohnen, abreißen lassen will.

B. berichtet, dass es ein Gutachten gibt, demzufolge das Haus einsturzgefährdet ist. Die Wände im Badezimmer sind schimmlig, der Boiler ist defekt, so dass das Paar schon lange kein warmes Wasser mehr hat. Unzumutbare Zustände und doch besser als das, was ihnen droht: Obdachlosigkeit.

Obwohl Herbert und Renate B. intensiv nach einer Wohnung suchen, haben sie bislang nur Absagen bekommen. „Wir sind vor vier Jahren hier einzogen und haben einen unbefristeten Mietvertrag“, klagt Herbert B.. Seinem Vermieter ist das egal, er will das Paar vor die Türe setzen, je eher desto besser. Beim Bürgermeister der Gemeinde aus dem nördlichen Landkreis Landshut wurden sie schon vorstellig, er hat keine Sozialwohnung frei. Werden die beiden obdachlos, ist die Gemeinde in der Pflicht – und für ihre Unterbringung verantwortlich.

Herbert B. muss täglich bis zu 20 Tabletten nehmen und ist in seiner Mobilität stark beeinträchtigt. Er ist deshalb seit über 15 Jahren erwerbsunfähig. Er leidet unter anderem an Lymphdrüsenkrebs und Leberzirrhose, hat schon vier Stents und eine Operation an den Bandscheiben hinter sich. Nach einem Unfall musste er reanimiert werden, schaffte es nur mit viel Glück zurück ins Leben.

Seine Erkrankungen machen für Herbert B. jede Wohnungsbesichtigung zur Qual. Ein Auto hat das Paar nicht, eine Bekannte fährt es. Die muss sich extra freinehmen, um ihre Freunde zu chauffieren, und ärgert sich über jede vergebliche Fahrt, bei der es wieder nur eine Absage gibt.

Auch Renate B. hat große gesundheitliche Probleme. Sie hatte bereits zwei Schlaganfälle, hat einen Herzschrittmacher und einen steifen Arm. Ihre Leber hatte einen Riss, die Milz wurde schon entfernt. Noch lebt sie von Hartz IV, ihr Rentenantrag wurde abgelehnt, doch ihr Berater beim Arbeitsamt hält sie aus gesundheitlichen Gründen für nicht vermittelbar.

So kommen zur Sorge um die Wohnung auch noch finanzielle Probleme. Weil das Haus keine funktionierende Heizung hat, heizt das Paar seine Wohnung mit einem Holzofen. Weil das von Amtswegen für Brennholz zur Verfügung gestellte Geld nicht reicht, bringt ihnen die Bekannte Abfallholz mit.

Herbert und Renate B. sind seit 20 Jahren verheiratet, gehen seither durch dick und dünn. Unter anderem mussten sie schon den Tod von Renate B.s Sohn verkraften. Momentan kommt es für sie wieder besonders hart. Die Bekannte hat sich von ihrem Mann getrennt und fordert deshalb ihre Couch zurück. Mit dem Geld von „Freude durch Helfen“ wollen sie sich eine eigene Couch kaufen, um nicht auf dem Boden sitzen zu müssen. Bei all den kaputten (Küchen-)Geräten ist das zumindest ein kleiner Lichtblick zurück zu einem Leben mit dem Lebensstandard der meisten anderen Menschen in ihrem Ort.

Bei ihrer Wohnungssuche werden sie von der Diakonie unterstützt. „Der Markt für günstige Wohnungen ist dicht“, sagt ihre Betreuerin. „Es ist ein Drama.“ Erschwerend kommt hinzu, dass die Mieten so stark steigen, dass das, was das Amt für die Miete bezahlt, selbst für kleine Wohnungen nicht mehr reicht. Die Betreuerin hofft, dass sich bald eine Alternative zur Erdgeschosswohnung in dem abrissreifen Haus finden.

„Für ihre Gesundheit ist das absolute Gift“, sagt die Betreuerin und blickt entsetzt auf die schimmlige Wand hinter der Toilette. Eigentlich bräuchten beide, Herbert und Renate B., eine Kur. Doch sie haben Angst, ihr Haus zu verlassen. Es könnte sein, dass ihr Vermieter es abreißen lässt, wenn sie ein paar Wochen nicht da sind und es den Anschein macht, als seien sie ausgezogen.