Mit fünf Jah­ren be­ginnt der Alb­traum

Junge Frau hat den se­xu­el­len Miss­brauch durch den ei­ge­nen Vater jah­re­lang ver­drängt

Moosburg. (tom) Die körperlichen und seelischen Qualen, die Kinder erleiden, wenn sie Opfer sexuellen Missbrauchs werden, sind unvorstellbar. Das Erlebte wirkt dabei Jahre oder gar ein ganzes Leben lang nach. Die Außenstelle des „Weißen Rings“ im Landkreis Freising betreut eine junge Frau, die von ihrem eigenen Vater missbraucht worden ist. Sie hat die schrecklichen sexuellen Übergriffe zunächst verdrängt, befindet sich mittlerweile aber in Therapie. Die kleine Vera Hausmann (Name von der Redaktion geändert) wurde jahrelang von ihrem Vater sexuell missbraucht. Die Erinnerungen daran blendete sie aus – zehn Jahre lang verdrängte das Mädchen das Geschehen, bis es sich schließlich seiner Mutter anvertraute. Diese ging sofort mit ihrer Tochter zur Polizei und erstattete Anzeige. Was die heranwachsende Vera dort den Beamten erzählte, gleicht einem Albtraum. „Mein Vater hat mich nie gewollt, und das hat er mir immer wieder gezeigt. Gefühle und Wärme hat es nie gegeben“, beschreibt Vera die Beziehung zu ihrem Vater. Als sich die Eltern trennen, ist das Mädchen fünf Jahre alt. Was dann geschieht, geht weit über Vernachlässigung und Missachtung hinaus. Bei den 14-tägigen Besuchen, auf die der Vater besteht, wird sie regelmäßig von ihm sexuell missbraucht und auch vergewaltigt.


„Man verrät seinen Vater nicht“
Erst als ihre schulischen Leistungen immer schlechter werden, sie unter Schlafproblemen und Essstörungen leidet, wird die Mutter misstrauisch. Schließlich erzählt ihr die Tochter alles, auch wie ihr Vater sie manipuliert hat. Ruhig soll sie sein und keine Probleme machen, und man verrät seinen Vater nicht, niemals, das hat ihr der Vater eingebläut. Vera hat das Erlebte verdrängt, mit schweren psychischen Folgen, wie sich später herausstellt.

Die Mutter wendet sich auf Anraten der Polizei an den „Weißen Ring“ und bittet um Hilfe. „Mit einer erfahrenen Mitarbeiterin wurden erste Gespräche geführt und mit Einverständnis von Vera wurde eine einfühlsame Opferanwältin hinzugezogen“, erzählt Silvia Niedermeier, die Leiterin der Freisinger Außenstelle des „Weißen Rings“.

Die ersten anwaltlichen Gespräche werden durch einen Beratungsscheck vom „Weißen Ring“ abgedeckt. Aber das Wichtigste ist, dass das Mädchen eine psychologische Hilfestellung erfährt. Eine erfahrene Therapeutin wird aufgesucht, diese ersten Hilfsmaßnahmen werden mit einem psychotherapeutischen Beratungsscheck von der Opferhilfe übernommen.

Die Psychologin stellt fest, dass Vera das Erlebte vollständig verdrängt und teilweise vergessen hat, um sich selbst zu schützen. Erst nach und nach beginnt sich die Blockade zu lösen und es folgen bestimmt noch weitere Therapien.

Der Vater wurde inzwischen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, Vera hat den Kontakt zu ihm vollständig abgebrochen. Es wird aber noch lange dauern, bis sie ein normales Leben führen kann.

Nachdem der Gerichtsprozess vorbei war, wurde für Vera und ihre Mutter noch eine finanzielle Ferienhilfe zur Verfügung gestellt. Die beiden machten 14 Tage an der Ostsee Urlaub, damit das Geschehene ein bisschen in den Hintergrund rückt. Auch diese Kosten werden vollständig vom „Weißen Ring“ übernommen. Die umfassende Betreuung durch die Hilfsorganisation ist unter anderem dank Spendengeldern möglich, dazu zählt auch ein Beitrag aus dem Spendentopf „Freude durch Helfen“.