Jetzt hat sie noch ihre vier Kin­der

Clau­dia Mayr muss nach dem Tod ihres Man­nes Alex­an­der die Fa­mi­lie al­lein er­näh­ren

Von Siegfried Rüdenauer

Vilsbiburg. Claudia Mayr lebt mit ihren Kindern in Geisenhausen im Landkreis Landshut. Die Kinder sind sechs, acht, zehn und zwölf Jahre alt. Das Geld reicht aber hinten und vorne nicht, Claudia Mayr (41) ist alleinerziehend und derzeit nicht in der Lage, Vollzeit zu arbeiten. Sie spart, wo es geht. Derlei Probleme rauben vielen Leuten den Schlaf. Bei den Mayrs verhält sich die Sache aber anders: Claudia Mayr kümmert sich zwar liebevoll und umsichtig um ihre Kinder. Sie macht das gern und selbstverständlich und weil sie pflichtbewusst ist. Die Rolle der alleinerziehenden Mutter hat sie sich aber keineswegs ausgesucht. Im Gegenteil: Sie, ihr Mann Alexander und die vier Kinder waren das, was man eine glückliche Familie nennt. Aber Alexander ist am 11. November im Alter von gerade mal 43 Jahren an Krebs gestorben.

Wenn ein so naher Angehöriger stirbt, belastet das die Hinterbliebenen besonders stark. Zu den großen seelischen Schmerzen kommen mit dem Tod von Alexander Mayr nun immense finanzielle Sorgen für seine Witwe hinzu. Der Bilanzbuchhalter hatte bislang allein für den Lebensunterhalt der Familie gesorgt.

Vor einem knappen Jahr schien noch alles in Ordnung. Der sportliche Familienvater, der weder trank noch rauchte, sich dafür aber gesund ernährte, fühlte sich bestens. Bei einer Vorsorgeuntersuchung Monate zuvor hatte er noch top Blutwerte gehabt. Einige Zeit später fühlte er sich unwohl – und am 1. Februar lautete die Diagnose Krebs. „Aber wir waren zuversichtlich", sagt Claudia Mayr. Schließlich hatten die Ärzte große Hoffnung verbreitet. Was folgte, waren mehrere Operationen und viele gesundheitliche und psychische Aufs und Abs. Später wurde der Familienvater zum Pflegefall.

Besonders dankbar ist Claudia Mayr den Beschäftigten der Brannenburger Veramed-Klinik, zu der ihr Mann im Lauf des Jahres wechselte. „Die haben ihn wieder aufgepäppelt. Er konnte im Garten spazieren, es ist ihm richtig gutgegangen." Als es ihm plötzlich wieder sehr schlecht ging, kam Alexander Mayr nach Hause, wo er sich erholte. Seinen letzten Familienurlaub erlebte er über Pfingsten an der Ostsee. Claudia Mayr: „An diesen 14 Tagen ging es ihm so gut." Die Familie lebte nach dem Motto „Gute Tage nehmen wir gerne, schlechte haken wir ab. Wunder nehmen wir dafür wieder gerne." Aber das Wunder blieb aus, Mitte September ist Alexander Mayr wieder schwächer geworden. Nach einem weiteren Klinikaufenthalt war klar, dass er zurück ins Eigenheim geht, um dort im Kreis der Familie zu sterben. Zuhause genoss er endlich wieder Apfelstrudel, Schwarzwälder-Kirschtorte, selbstgemachtes Blaukraut mit Kassler. Die gemeinsame Zeit, die noch blieb, nutzten die Familienangehörigen, sich voneinander zu verabschieden. „Das war sehr wichtig für meine Kinder, für meinen Mann und für mich." Dass Claudia Mayr nur wenige Wochen nach dem Tod ihres Mannes so gefasst wirkt, erklärt sie sich so: „Wir haben ein halbes Jahr Zeit gehabt." Über die Trauerrede, die er selbst verfasste, hat sich Alexander Mayr am 22. November von seinen Gästen verabschiedet. Die Beerdigung bei strahlendem Sonnenschein sei „sehr schön" gewesen, sagt die Witwe. Sie ist dankbar, dass Pfarrerin Claudia Brunnmeier-Müller aus Gangkofen die Trauerfeier abgehalten hat. Und dafür, dass Patar Altus Jebada die katholische Kirche in Geisenhausen für die Feier zur Verfügung gestellt hat.

„Ich bin von Haus aus jemand, der die Ärmel hochkrempelt", sagt Claudia Mayr. Über ihre Verantwortung ihren Kindern gegenüber sagt sie: „Wenn ich dieses Päckchen nicht tragen könnte, wäre es mir nicht aufgeladen worden." Mit Gottvertrauen und viel Pragmatismus versucht sie, die Situation zu meistern. Das ist bei rund 140 Euro Witwenrente sehr schwer. Denn die Fixausgaben von monatlich 3500 Euro – etwa für Lebensmittel, Strom, Wasser, Tanken, Heizöl – sind gewaltig. Wenn dann auch noch Unvorhergesehenes wie eine Autoreparatur dazwischenkommt, wird es brenzlig. Mit der Lebensversicherung kann sich die Familie wohl noch ein Jahr lang über Wasser halten, schätzt die Witwe. Von der bisherigen Finanzplanung bleibt nur noch die Idee. Vorgesehen war, Rücklagen zu bilden, um anstehende Arbeiten am Haus erledigen zu können. Daraus wird jetzt erst einmal nichts.

Claudia Mayr kann sich vorstellen, an drei Vormittagen von zu Hause aus zu arbeiten: „Das würde für Essen und Trinken reichen." Im kommenden Jahr will sie wieder arbeiten. Mehr geht wegen der Kinder nicht, um die sie sich kümmert. Und die wenigen Verwandten wohnen zu weit weg. Also stellt sich die 41-Jährige, die sich selbst als sparsamen Menschen bezeichnet, vor allem diese Frage: „Wo kann ich abspecken ?" Zu den liebgewonnenen Dingen, die wohl gestrichen werden müssen, gehören der Englisch-Unterricht für Vorschulkinder und der Musikschulbesuch.

Claudia Mayrs großer Wunsch ist es, so viel Zeit wie möglich mit ihren Kindern verbringen zu können. Und sie hofft, dass sie bald selbst dazu in der Lage ist, einen Teil von deren Wünschen zu erfüllen: Pfadfinder-Fahrten zum Beispiel oder Museums-, Theater- und Ausstellungsbesuche.

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Alexander und Claudia Mayr fotografiert von Olga Slach. Die Augsburger Fotografin hat mit Barbara Puchta und Julia Rose-Greim eine Initiative gegründet, bei der Erinnerungsbilder für Familien mit krebskranken Eltern entstehen.