Ein letz­tes Mal in den Wald

„Freu­de durch Hel­fen“ un­ter­stützt das Her­zens­wunsch-Ho­spiz­mo­bil des BRK

hwhm_22092018_fahrt3_6_2.jpg

Noch einmal wollte ein schwer kranker, alter Mann den Tunzenberger Forst besuchen. Hier hat er in seiner Kindheit ein Rehkitz gerettet. Foto: BRK

Von Sophie Schattenkirchner


Große Laubbäume und saftig grüne Farne säumen die kleine Forststraße. Es riecht nach Moos, nach Rinde, nach Harz. Vögel zwitschern. Die Kieselsteine entlang der Forststraße knirschen leise – jedes Mal, wenn die beiden Helfer des Bayerischen Roten Kreuzes den Rollstuhl weiter schieben. Im Rollstuhl sitzt ein alter Mann. Mit Hemd, Leiberl, einem dunklen Filzhut und Brille. Er ist ganz still. Er genießt jede Sekunde.


Der alte Mann ist schwer krank, er wird bald sterben. Sein letzter Wunsch, sein Herzenswunsch: noch einmal den Tunzenberger Forst sehen. Hier war er als Bub oft mit seinem Großvater. Einmal, das erzählt er den Helfern, entdeckte er im Dickicht ein Rehkitz, das auf einem Auge blind war. Er nahm das Kitz mit nach Hause und zog es auf.

Eine Erinnerung, die ihn immer begleitet hat. „Am Ende des Lebens merkt man, was wirklich wichtig war“, sagt Angela Fischer, „die Wünsche werden bescheiden.“ Sie organisiert das Herzenswunsch-Hospizmobil des BRK-Kreisverbands Straubing-Bogen. Bei ihr melden sich Mitarbeiter von Hospizen, Ärzte aus dem Krankenhaus oder Angehörige.


„Jetzt bin ich selig“, sagt die 81-Jährige
Angela Fischer versucht, so viele kleine Wünsche in den Ausflug zu packen, wie nur möglich. Eine 45-jährige, schwer an Krebs erkrankte Frau wollte noch einmal das Meer sehen. Ihr Gesundheitszustand ließ das nicht zu, also koordinierten die Helfer um, planten einen Ausflug an einen Weiher und bestellten für die Frau ihr Lieblingsessen – Gyros und Calamari. Eine 81-jährige Frau wollte unbedingt bei der Hochzeit ihrer Enkeltochter dabei sein: Also brachten die ehrenamtlichen Helfer die Palliativpatientin dorthin. Unter ihnen Rettungsassistent Karl-Heinz Solcher. Er ist seit über 35 Jahren im Dienst, ist über 30 000 Einsätze gefahren. „Aber das ist nicht spurlos an mir vorübergegangen“, erzählt er. Die Reaktionen der Angehörigen zu sehen, das sei ihm nahe gegangen. Nach dem Sektempfang sagte die 81-Jährige, dass ihr größter Wunsch jetzt erfüllt sei – dass „es reicht“. Die Helfer brachten sie zurück auf die Palliativstation. „Jetzt bin ich selig“, sagte die Frau mit einem Lächeln zu ihnen.


45 Ehrenamtliche – Ärzte, Pfleger, Rettungsdienst-Fachpersonal, Seelsorger – aus Niederbayern und der Oberpfalz engagieren sich beim Herzenswunsch-Hospizmobil. Für die Patienten ist dieser besondere Ausflug kostenlos, das Projekt wird über Spenden finanziert. Dringend brauchen die BRK-Mitarbeiter ein neues Fahrzeug. Eines, von dem aus die Patienten nach draußen schauen können – damit ihnen zum einen nicht übel wird und zum anderen, damit sie die Landschaft sehen können. „Der Weg und die Umgebung interessieren die Menschen“, sagt Angela Fischer. Mit einer Spende an „Freude durch Helfen“ wird dieses Fahrzeug finanziert.


Kartoffelbratl im Lieblingswirtshaus
Das Herzenswunsch-Hospizmobil bringt die BRK-Mitarbeiter zum Grübeln. Marko Pammer von der Öffentlichkeitsarbeit, Anfang 40, hat sich zum Beispiel eine Liste aufgeschrieben, mit allen Dingen, die er noch erleben will: Darauf steht eine Reise nach Philadelphia in den USA und ein Buch, das er unbedingt lesen will.


Angela Fischer hat bei den Wünschen der Palliativpatienten bemerkt, dass sie sich vor allem Dinge wünschen, die sie früher gern gemacht haben. Das kann ein Besuch im Lieblingswirtshaus sein. Beeindruckend sei auch hier der Zusammenhalt: Noch nie ist Angela Fischer von einem Wirt abgewiesen worden, falls ein Patient mit einer Trage gebracht werden sollte.
So genoss auch der alte Mann bei seinem Ausflug in den Tunzenberger Forst in einem Gasthaus ein Kartoffelbratl – sein Lieblingsessen.