Ein Fehl­tritt ver­än­der­te ihr Leben

Ma­ri­on S. aus Gei­ers­thal muss­te schon mehr als 24 Ope­ra­tio­nen über sich er­ge­hen las­sen

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Marion S. mit ihrem Hund Wastl, der ihr Ein und Alles ist. Foto: Bäumel

Von Johannes Bäumel

Es war ein einziger Fehltritt im Jahre 1982, der das Leben von Marion S. aus Geiersthal (Landkreis Regen) für immer verändert hat. Aufgewachsen in München, ging sie dort in eine Wirtschaftsschule.
Es war ein ganz normaler Schultag, an dem die damals 15-Jährige vom Klassenraum, in dem ihr BWL-Kurs stattfand, in einen anderen wechseln wollte.
Es pressierte schon ein wenig, als sie die Treppe hinunterlief. Auf einer Stufe blieb Marion S. mit dem Schuhabsatz hängen und verdrehte sich das Bein. Von einem beidseitigen Schaden des Meniskus war damals die Rede, die Untersuchungsmöglichkeiten längst nicht so weit, wie sie heute sind. Für sechs Wochen bekam sie einen Gips, danach habe es geheißen, sie solle sich nicht so anstellen, als sie über Schmerzen klagte.


Von Arzt zu Arzt
„Als Jugendliche damals bin ich einfach nicht ernst genommen worden“, klagt die heute 52-Jährige. Auch nach dem Aufsuchen weiterer Ärzte, wie es ihr die Adoptiveltern geraten hatten, bekam sie immer wieder widersprüchliche Aussagen. Eine Operation folgte auf die nächste. 24 Behandlungen und Operationen waren es insgesamt, die sie über sich ergehen lassen musste. Das Bein schwoll unterdessen immer mehr an.


Bis ein Arzt im Jahr 2000 aufgrund der starken Arthrose und der Überreizung durch die vielen Operationen schließlich die Versteifung ihres linken Beins vornahm. So konnte zumindest eine Amputation verhindert werden. „Das heißt, nur noch Oberschenkel auf Unterschenkel“, erzählt sie, „und das Ganze haben sie verbunden mit 14 Schrauben und vier Schienen drin.“ Seit dieser Versteifung kann Marion S. jedoch nur noch mit Einschränkungen laufen. Bei länger andauernden Belastungen treten zudem Entzündungen im Fuß auf.


Wie man sich vorstellen kann, hat sie seit damals nicht nur erhebliche Schmerzen, die 52-Jährige hatte durch ihre Krankheit auch immer wieder finanziell kräftig zu knabbern.


Schon bei ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau und Finanzbuchhalterin bereiteten ihr die vielen krankheitsbedingten Fehltage immer wieder Nachteile, sie musste mehrfach das Unternehmen wechseln, war schließlich direkt arbeitslos, so dass sie und ihre Adoptivmutter – der Adoptivvater war inzwischen verstorben – mit deren geringen Rente auskommen mussten, bis Marion S. später eine Umschulung zur Hilfskraft in der Seniorenbetreuung machte.


Hauskauf war ein Reinfall
Wieder aufwärtsgehen sollte es mit der Investition in einen alten Bauernhof im Landkreis Dingolfing-Landau.
Sämtliche Ersparnisse und Versicherungen gingen dafür drauf. Die Adoptivmutter meinte es gut und wollte, dass die Tochter im Alter ein Gebäude mit Grund besitzt.


Dann eine ganze Reihe von Schicksalsschlägen, die der Frau erheblich zu schaffen machten. 2012 verstarb die inzwischen pflegebedürftig gewordene Adoptivmutter, das Haus musste verkauft worden. „Ich hatte damals nicht mal mehr Geld, um meine Mutter beerdigen zu lassen“, erzählt Marion S. traurig. Die Bank sei schließlich eingesprungen.
Und das Haus? Kurzfristig gefundene Interessenten wollten dieses nur kaufen, wenn sie sofort einziehen können. Marion S. stand unter Zugzwang: Sofort raus und zusammen mit den beiden Hunden, die ihrer Mutter gehörten, eine Wohnung suchen. „Ich habe ihr versprochen, die beiden Hunde nicht herzugeben und mich um sie zu kümmern“, sagt sie. Vierbeiner Wastl – mittlerweile zehn Jahre alt – ist heute noch ihr treuer Weggefährte.


Im Auto gewohnt
Schnell bekam Marion S. zu spüren, dass eine spontane Wohnungssuche mit zwei Hunden und begrenztem Budget sich äußerst schwierig gestaltet. „Mir blieb nichts anderes übrig. Um schuldenfrei zu sein, habe ich dann fast ein halbes Jahr in meinem Auto gewohnt und geschlafen – mit den beiden Hunden“.


Schließlich vermittelte ihr ein Bekannter die Wohnung in Geiersthal, in der sie heute lebt. Seit fünf Jahren ist sie nun im Landkreis Regen zu Hause – ganz allein, denn Marion S. hat weder Kinder noch Angehörige. „Sie ist eine echte Kämpferin“, beschreibt es Hildegard Weiler, eine Bekannte, die Marion S. mit Rat und Tat zur Seite steht. Manchmal hilft sie ihr auch finanziell aus, wenn es mal wieder brennt. Zum Beispiel, wenn eine Autoreparatur fällig ist oder andere außerplanmäßige Ausgaben anstehen.


„Ich will arbeiten“
In die Arbeit geht die Geiersthalerin aber trotzdem. „Ich will arbeiten“, betont sie immer wieder, auch wenn bei Tätigkeiten und Dienstplänen längst nicht überall Rücksicht auf ihre Behinderung genommen wird.


Noch ist sie bei einer Einrichtung im Landkreis Regen angestellt, doch derzeit wegen einer Lungenentzündung außer Gefecht gesetzt. Dazu kommt, dass kurz vor Weihnachten noch ein weiterer Eingriff anstehen wird. Wegen der fortschreitenden Arthrose geht es dann auch noch um die Versteifung ihres Fußes.