Der Zau­ber auf dem Pfer­derücken

Re­gens­bur­ger Ve­rein er­mög­licht be­hin­der­ten Men­schen Reit­the­ra­pie

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Die Reittherapie ist der Schwerpunkt des VKM. Der Verein hat drei eigene Pferde. (Bild: Uwe Moosburger/altrofoto.de)

Regensburg. (gib) Eine neue Welt auf dem Rücken der Pferde: Menschen mit Handicap können beim Reiten zu mehr Balance, Stärke und Selbstvertrauen finden. Der Regensburger Verein für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (VKM) ermöglichte bereits vielen hundert Betroffenen eine Reittherapie. Das große Ziel ist ein eigenes Zentrum für tiergestützte Therapien.

Teresa war neun Jahre alt, als sie zum ersten Mal „Nein“ sagte. Sie stand in der Reithalle und wartete auf die Therapiestunde auf ihrem Lieblingspferd – als ein anderes Pony hereingeführt wurde. Doch Teresa bestand auf „ihrem“ Pferd. Für Teresas Mutter, Christa Weiß, war das ein Schlüsselerlebnis – und zeigte ihr, wie der Umgang mit den Pferden ihre Tochter veränderte. Teresa war als Frühchen auf die Welt gekommen und ist seit einer schweren Krankheit in den ersten Lebenswochen geistig behindert. Ihren Willen konnte sie lange schlecht deutlich machen, auch das Sprechen fiel ihr schwer. Auf dem Rücken eines Pferdes hatte Teresa plötzlich das Gefühl, dass sie bestimmen konnte, wo das Tier hinläuft, erzählt Christa Weiß. „Das war für ihre Persönlichkeit wichtig.“ Die Reittherapiestunden hätten auch dabei geholfen, dass sich Teresas Sprache verbesserte.

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Engelbert und Christa Weiß vom VKM planen das nächste große Vereinsprojekt, ein eigenes Therapiezentrum. Christa Weiß hält ein Modell für den Bau in der Hand. (Bild: Gibbs)

Christa Weiß ist seit 2003 die Vorsitzende des VKM Regensburg. Sie berichtet von vielfältigen positiven Effekten bei der Arbeit mit den Pferden. Da sei zum einen die  Hippotherapie, eine Art Krankengymnastik auf dem Pferd. Sie hilft dabei, die Balance zu halten und die Muskeln zu stärken. Beim heilpädagogischen Reiten gehe es vor allem um den Kontakt zum Pferd. Nicht zuletzt könnten Menschen mit Handicap mit etwas Unterstützung im Reiten einfach ein erfüllendes Hobby finden. „Die Tiere gehen wertfrei auf die Menschen zu“, betont Weiß. Der Verein schießt für jede Therapiestunde etwa die Hälfte der Kosten zu, bei finanziellen Engpässen auch mehr. Das Angebot soll so für alle zugänglich werden.

Der Verein hat selbst drei Pferde, die derzeit in einem Reitstall in Wolfsegg (Kreis Regensburg) stehen, den Haflinger Nathan und die beiden Norweger Ronja und Nico. In Wolfsegg finden auch die Therapiestunden statt. Doch eigentlich träumt der Verein seit Jahren von einem eigenen Zentrum für tiergestützte Therapien. Ein Modell für den barrierefreien Bau mit Reithalle, Stall und Sozialräumen gibt es bereits. Lange jedoch wurde kein passender Standort gefunden, nun steht ein Grundstück im nördlichen Landkreis  in Aussicht. Sobald das Projekt in trockenen Tüchern ist, wird es um die Spendenakquise gehen: Zweieinhalb bis drei Millionen Euro kostet der Bau. Neben Pferden sollen in dem Zentrum möglichst auch andere Tiere zum Einsatz kommen – für Pferdehaarallergiker, aber auch für Geschwisterkinder, die während der Therapiestunde warten müssen.

Das Zentrum wäre nicht die erste Errungenschaft des VKM, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feierte. So geht die Gründung der beiden Behinderten-Einrichtungen Pater-Rupert-Mayer-Zentrum und Kinderzentrum St. Martin auf die Initiative des Vereins zurück. Gestartet war der Verein als Elterninitiative, weil es in den 60er-Jahren für die Betreuung von Menschen mit Behinderung in Regensburg noch wenige spezielle Einrichtungen gab. „Eltern mussten mit ihren Kindern bis nach Erlangen und München fahren“, erzählt Engelbert Weiß, Ehemann von Christa Weiß und beim Verein für die Medienarbeit zuständig. Den Anstoß gab der Verein auch für das 2017 verwirklichte Projekt „Wohnen Inklusiv Wir“, eine Wohnanlage in Regensburg, in der behinderte und nichtbehinderte Menschen leben.

Zum Angebot des Vereins, der 130 Mitglieder hat, gehören Beratungen, Inklusionsprojekte und Fachtage zu verschiedenen Themen. Ein Herzensprojekt war dem Vorstand im Jubiläumsjahr die Veröffentlichung des Erlebnisbuches „…und dann kamst du“, in dem 51 Autoren, darunter etwa die Regensburger Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer, Erlebnisse und Begegnungen schildern, aus denen sie Lebensfreude schöpften.